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Dossier: Friedliche Revolution

Kalenderblatt: Aufbruch 1989 - Neues Forum

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Datum

10.09.1989

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"In unserem Staat ist die Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft offensichtlich gestört.", stellen die Initiatoren des Neuen Forums in ihrem Gründungsaufruf fest. Am 10. September 1989 gründen sie in der DDR eine politische Vereinigung, die zu einem großen oppositionellen Ereignis in der Öffentlichkeit wird.
 
Schon seit Mitte der 1980er Jahre gibt es in der DDR unterschiedliche oppositionelle Gruppierungen und Bewegungen, die sich insbesondere innerhalb der evangelischen Kirche zusammen finden und sich dort formieren. Das liegt zum einen an der von den Pfarrern gelebten christlichen Pflicht, sich um verfolgte und unterdrückte Menschen zu kümmern, aber auch daran, dass viele Pfarrer selbst aktive Oppositionelle sind.
 
Nachdem am 17. Januar 1989 im Zuge der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration bekannte Oppositionelle, wie Bärbel Bohley, Werner Fischer und Freya Klier, von MfS-Festnahmetruppen wegen "landesverräterischer Verbindungsaufnahme" verhaftet werden, erhebt sich nicht nur innerhalb der Opposition, sondern landesweit Protest. Und nicht nur das: auch im Ausland werden kritische Stimmen laut, die sich gegen das Vorgehen der ostdeutschen Regierung richten. Das Ereignis sprengt bisherige Grenzen der Oppositionsbewegung und sorgt für eine Protestwelle, die sich auch außerhalb der Kirchen klar und deutlich formiert. Der Grundstein für ein neues Ausmaß an Widerstand ist damit gelegt - auch das Neue Forum beginnt, seine Arbeit aufzunehmen.

Das Neue Forum gilt als eine der ersten landesweiten Oppositionsbewegungen in der DDR außerhalb der evangelischen Kirche und wird zu einem Großereignis der Bewegung in der Öffentlichkeit. Nicht nur die Präsenz der Geschehen in den westlichen Medien, auch die Popularität von Bärbel Bohley, der Initiatorin des Neuen Forums, sorgt für enorme Aufmerksamkeit im In- und Ausland. Schon in den Vormonaten setzt sie sich, zusammen mit Katja Havemann und Rolf Henrich, mit den Möglichkeiten einer neuen oppositionellen Organisationsform auseinander. Und dann ist es soweit: Am 09./10. September 1989 treffen sich Oppositionelle aus den unterschiedlichsten Kreisen im Haus der Witwe Robert Havemanns in Grünheide und unterzeichnen den Gründungsaufruf "Aufbruch 1989 – Neues Forum".
 
Trotz Vorsichtsmaßnahmen gelingt es dem MfS, einen Spitzel unter die 30 Erstunterzeichner zu schmuggeln. Am 13. September stellt die Stasi fest: "In der Gruppierung 'Neues Forum' sollen DDR-weit oppositionelle Gruppierungen unterschiedlichen Coleurs vereinigt werden." Genau das spiegelt das Neue wieder, das mit der Gründung des Neuen Forums Einzug in die Oppositionsbewegung der DDR hielt: Bereits am 19. September stellen die Gründungsmitglieder beim Ministerium des Inneren und in fast allen Bezirksbehörden der DDR Anträge auf Zulassung des Neuen Forums. Diese werden jedoch zunächst – ganz nach SED-Manier – als staatsfeindlich abgelehnt. Am 18. November wird der Antrag auf Zulassung dann jedoch offiziell entgegen genommen. Nicht zuletzt deshalb, weil der öffentliche Druck nach den Großdemonstrationen der letzten Wochen und insbesondere nach dem Mauerfall immer größer geworden ist. Bereits zu diesem Zeitpunkt ist die politische Vereinigung Neues Forum zur wichtigsten und größten Bürgerbewegung der Friedlichen Revolution geworden. Bis Ende des Jahres unterschreiben den Aufruf etwa 200.000 DDR-Bürger und 10.000 feste Mitglieder unterstützen die Bewegung.
 
Die Zulassung als politische Gruppierung durch die SED-Führung wird zum Präzedenzfall. Das Neue Forum hat im Unterschied zu den meisten Oppositionsgruppen, die halblegal unter dem Dach von z. B. Kirchen arbeiten, von Beginn an eine offizielle Anerkennung als Ziel. Damit erreicht es eine höhere Akzeptanz bei vielen Bürgern und formt zugleich ein Bewusstsein für die Auseinandersetzung zwischen Staat und Gesellschaft. Die Botschaft an die Regierung heisst jetzt nicht mehr "Wir wollen raus!", sondern "Wir bleiben hier!", um aktiv eine Umgestaltung der Gesellschaft zu erreichen.




Text: Johanna Schniedergers, Kooperative Berlin
 
Foto: "Freiheitsmauer" (Flickr / Felix Neiss)
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