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Wir wussten ja nie, wer mithörte

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Verena Bartels‘ Mutter Renate wuchs in Böckwitz auf, einem DDR-Dorf direkt an der Grenze zur damaligen Bundesrepublik. Ein Gespräch über Passierscheine, die offizielle SED-Sprache und das Gefühl, frei wählen zu können.


Das Leben in einem Grenzdorf war bestimmt nicht so normal wie in anderen Orten der DDR, oder?
Ja, das Leben in Böckwitz war ziemlich besonders. Nur mal ein Beispiel: Wollte uns jemand besuchen, brauchte er einen Passierschein. Aber nicht alle konnten überhaupt rein. Als Kind hab ich nie Kindergeburtstag gefeiert, weil noch nicht einmal meine Schulfreunde ins Dorf durften. Zu Familienfeiern musste Oma für alle Verwandten spätestens vier Wochen vorher die grünen Passierscheine beantragen und es kam immer wieder vor, dass manche einfach abgelehnt wurden.

Und was denkst du heute über die Verhältnisse in der DDR-Zeit? Ich selber wusste am Anfang ja gar nichtviel. Im Geschichtsunterricht haben wir das Thema nur nebenbei behandelt und viel hab ich erst durch euch erfahren oder durch Bücher wie "Der geteilte Himmel" von Christa Wolf.
Die DDR war für mich eine Diktatur, und zwar eine, an deren Spitze alte Männer standen. An Feiertagen ließen sich Parteifunktionäre wie Erich Honecker, Erich Mielke und Egon Krenz auf ihren inszenierten Militärparaden feiern. Ich habe mich damals schon gefragt "So wie die DDR ist, sieht so eine demokratische Republik aus?" Es gab zum Beispiel immer zwei Sprachen.

Zwei Sprachen? Meinst du deinen Russischunterricht, der ja für jeden Pflicht war?
Nein, keine Fremdsprachen. Ich meine einmal die offizielle Parteisprache, die du in der Schule, der Lehre und im Beruf perfekt beherrschen musstest; in der nichts gesagt werden durfte, was der offiziellen SED-Linie widersprach. Zum Beispiel im FDJ-Kurs "Polit-Information", da durftest du unter keinen Umständen sagen, dass du Infos aus dem Westfernsehen hast. Oder eine meiner Prüfungen im dritten Lehrjahr 1981. Da haben sie mich zum Krieg zwischen Afghanistan und der Sowjetunion befragt. Die SU war im Dezember 1979 dort einmarschiert. Ich sagte dann etwas zu Positives über die Afghanen, was den Prüfern natürlich gar nicht passte, schließlich war die SU der Verbündete der DDR, nicht Afghanistan. Ich wäre damals wegen meiner Meinung fast durch die Prüfung gefallen.

Kann ich mir alles heute nur schwer vorstellen: Ich sage und schreibe, was ich denke und mir würde nie einfallen, irgendjemandem nach dem Mund zu reden. Und mir passiert nichts.
Zuhause, bei deiner Familie und deinen Freunden, konntest du wieder normal reden, ohne Filter. Wenn wir unter uns waren, ließen wir auch richtig Dampf ab über die ganzen Missstände in der DDR. Allerdings kann ich mich daran erinnern, dass wir auch im Sommer bei brütender Hitze immer mit geschlossenen Fenstern feierten – wir wussten ja nie, wer mithörte.


Klingt alles schizophren. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass ein Staat oder ein Volk ein solches Doppelleben führt. Ich meine, wenn jeder von dem Theater wusste, warum hat man sich das alles gefallen lassen?
Ja, warum hat man sich das gefallen lassen. Du konntest eben nicht einfach so Kritik äußern, musstest sonst gleich mit Konsequenzen rechnen – gerade hier im Grenzgebiet. Passte denen was nicht, drohte gleich die Verweigerung des Passierscheins, stundenlange Anhörungen bei der Polizei. Und wenn man sogar versucht hatte, zu fliehen, wurden Zwangsumzüge, Zwangsarbeit oder Gefängnisstrafen verhängt – das alles gab es offiziell natürlich nicht. Vor Beschattung musste man sich sowieso immer in Acht nehmen.

Wenn ich das heute so sehe, glaube ich: Ich hätte nicht in diesem  Überwachungsstaat leben können. Habt ihr denn wirklich nie versucht, in den Westen zu flüchten?
Papa und ich dachten nie an Ausreise, immerhin hatten wir die ganze Familie hier. Wir hatten Alltag, die Arbeit und natürlich auch Freunde. Trotzdem: Wenn du nicht in der Partei oder sogar bei der Stasi warst, gab‘s immer irgendwie Schwierigkeiten. Trotzdem waren Partei und Stasi tabu für uns, auch wenn es damit hieß, zu verzichten. Es gab allerdings auch Leute, die aus Angst für die Staatssicherheit gearbeitet haben, weil sie vielleicht mal einen Fehler gemacht hatten und damit erpresst wurden.

Der Gedanke, dass man niemandem trauen kann, weil jeder der Stasi Informationen zuspielen könnte, das ist schon sehr beklemmend. Wenn ich mir heute vorstelle aus Gründen des Selbsterhaltungstriebes total voreingenommen auf jede Person zuzugehen, da man immer das Schlimmste von Unbekannten denken muss – das würde einfach nicht gehen. Ich lerne ständig neue Leute kennen, von denen ich lerne, mit denen ich arbeite und Spaß habe, da ist Vertrauen Voraussetzung, auch bei Fremden. Der Zweifel muss ja zwischen jeder Freundschaft gestanden haben und wurde bestimmt nicht selten bestätigt. Das klingt echt widerlich, erinnert mich irgendwie an Orwells „1984“.
Ja, ich weiß. Heute ist es selbstverständlich, seine eigene Meinung zu sagen, auch wenn sie nicht konform mit der Mehrheit geht oder der aktuellen Politik. Oder die Wahlen damals: In der DDR gab es ja so was wie Wahlzwang. Wenn du nicht wählen gegangen bist, standen in unserem Dorf zuerst der Bürgermeister vor der Tür und dann die Polizei und wiesen dich darauf hin, dass man das Wahllokal zu besuchen habe. War schon merkwürdig, als ich dann 1990 zur Bundestagswahl das erste Mal meinen Kopf benutzen konnte.

Das ist heftig. Für mich ist es normal, dass ich ab 18 wählen gehen kann, aber nicht muss, dass ich in Braunschweig meine Ausbildung mache und am Wochenende ungehindert mit dem Auto durch Böckwitz nach Hause fahren kann. Wenn ich für ein Konzert nach London fliegen möchte, dann mache ich das eben und den Besuch meiner Großeltern irgendwo für einen Passierschein anzumelden, kommt schon mal gar nicht in Frage. Das ist alles selbstverständlich, und ohne diese Freiheit könnte ich mir mein Leben heute nicht vorstellen.
 
Das Interview führte Verena Bartels von SPIESSER.
 
Foto: ehemalige Stasi-Zentrale Berlin ©  Danny/flickr
 
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