Deutsch-Deutsche Geschichte in Bildung und Schule
Bild zu Schnee, der auf Erinnerungen fällt
Aktuelles

Schnee, der auf Erinnerungen fällt

Autor

Redaktion

Datum

07.12.2010

Kommentare

2

Kontakt

Redaktion

Drucken

Diese Seite drucken

Wie fühlt es sich an, wenn man ohne Mutter aufwächst, weil diese sich kurzfristig entschlossen hat, in den Westen zu flüchten – ohne ihre Kinder? Peter Wawerzinek hat mit seinem Roman "Rabenliebe" sein Kindheitstrauma auf eine derart sprachgewaltige Art und Weise auf Papier verarbeitet, dass es dem Leser gelegentlich den Atem nimmt.

"Ich habe gedacht, wenn ich mich schreibend verschenke, entfliehe ich dem Teufelskreis der Erinnerung. Schreibend bin ich tiefer ins Erinnern hineingeraten, als mir lieb ist." Fünfzig Jahre hat es gedauert, bis Peter Wawerzinek den Mut gefunden hat, sich intensiv mit dem Trauma seiner Kindheit auseinanderzusetzen: Seine Mutter hatte ihn und die Schwester zurückgelassen in der DDR, die noch in den Kinderschuhen steckte, um sich ein neues Leben im Westen aufzubauen. Hatte die Wohnungstür hinter sich zugezogen und die Kleinkinder sich selbst überlassen – sie überlebten nur, weil sie rechtzeitig aus der verwahrlosten und vermüllten Wohnung gerettet wurden.

Aufzuschreiben, was dem kleinen Peter in den folgenden, mutterlosen Jahren widerfährt, bringt den mittlerweile schon lange erwachsenen Autor an die Grenzen seiner Kräfte: In ein staatliches Kinderheim verfrachtet, zieht sich der Junge gänzlich in sich selbst zurück, äußert erst mit vier Jahren die ersten Worte und kommuniziert bis zu diesem Zeitpunkt nur mit Vögeln. Getreu dem real existierenden Sozialismus, der alles verstaatlichte, hat auch Peter keinen persönlichen Besitz, Spielzeug, Bücher, ja sogar die Unterwäsche sind nur geliehen. Die Individualität der Kinder wird unterdrückt, sie existieren nur in der Masse. Es herrscht eine soziale Kälte, die den kleinen Jungen von innen heraus erkalten lässt und aus jeder einzelnen Seite des Romans einen eisigen Windhauch wehen lässt. Schnee entwickelt sich zu einer der wichtigsten Metaphern seines Lebens.

Doch nicht nur die Atmosphäre der lieblosen Kinderheime, der strengen und Regime-treuen Adoptionsfamilie, in der Peter später aufwachsen wird und in welcher der Tagesablauf minutiös festgelegt ist, belegen den Roman mit einer bedrückenden Schwere. Immer wieder unterbricht der Autor den Lesefluss um Zeitungsberichte einfließen zu lassen, die von verhungerten und verwahrlosten Kindern berichten – ein Thema, welches die Medien in den vergangenen Jahren immer wieder bestimmte. Die nüchternen Textausschnitte stehen darüber hinaus in einem interessanten Kontrast mit der restlichen Prosa: Die ist, dank zahlreicher Wortspiele, Wortneuschöpfungen, Wortverdrehungen und eingeflochtenen Kinderliedern aufgebauscht zu einem gewaltigen sprachlichen Kunstwerk, welches dem Leser gelegentlich fast den Atem raubt.

Fünfzig Jahre hat es gedauert, bis Peter Wawerzinek die Kraft gefunden hat, seine Mutter ausfindig zu machen und ihr gegenüberzutreten. "Da bist du ja" sagt diese trocken, als hätte sie ihren Sohn erst gestern noch gesehen. Ihrer Schuld ist sie sich nicht bewusst.
 
Peter Wawerzinek: Rabenliebe. Galiani Verlag, 2010. Hardcover, 428 Seiten,  22,90 Euro. ISBN 978-3869710204

Julia Schmitz

 
Foto: Daniel Weber / flickr
Zurück zur Übersicht
Aktuelles Bildungspolitische Kleinstaaterei

Bildungspolitische Kleinstaaterei

Text | Kongress "Keine Bildung ohne Medien!" in Berlin

Aktuelles DDR-Geschichte soll früher unterrichtet werden

DDR-Geschichte soll früher unterrichtet werden

Text | Brandenburg will das Thema stärker unterrichten