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Dossier: Geschichte erzählen
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Rezension: "Begegnung mit einem Mörder"
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15.12.2011
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Eine Tonbandaufnahme beginnt. Es rauscht, so wie man es von alten Tonaufzeichnungen kennt. Vögel zwitschern im Hintergrund und eine ruhige, konzentrierte Stimme beginnt mit den Worten: "Es ist heute der 29. Mai 1960. Es ist jetzt genau 16.55 Uhr. Herr Eichmann, wollen Sie bitte mit Ihren Erklärungen beginnen?" Avner Less wird später aufgefordert, die höfliche Anrede "Herr" bei dem Angeklagten, der u.a. wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor Gericht steht, zu unterlassen.
Sieben Monate lang geht das Verhör. Nur selten unterbricht der israelische Polizeihauptmann Avner Less Adolf Eichmann. Er lässt ihn reden. Die Darbietungen Eichmanns sind schier unerträglich. Er entspinnt ein Konstrukt aus Rechtfertigungen und Lügen. Immer wieder flüchtet er in nebensächliche und alltägliche Anekdoten. War Eichmann erst nach Minsk oder doch zuerst Białystok gefahren, um dort die Erschießungen von Juden zu kontrollieren? Er kann sich einfach nicht mehr an den genauen Reiseweg erinnern. Hieß die dortige Stelle nun Befehlshaber der Sicherheitspolizei oder hieß sie Einsatzkommando der Sicherheitspolizei? Eichmanns Ausflüchte sind absurd. Er versucht Genauigkeit zu suggerieren. Im Plauderton stilisiert er sich als Opfer und scheint nicht zu merken, dass er damit viele seiner Verbrechen genauestens beschreibt und gesteht. "Sehr groß war der Graben. Und da war ein riesiger Rost gewesen, ein Eisenrost, und darauf brannten Leichen. Und da ist mir schlecht geworden, da wurde mir schlecht."
Bis 1960 lebte der SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, der bis 1945 maßgeblich an der Ermordung von ca. sechs Millionen Juden beteiligt war, unter dem falschen Namen Riccardo Klement weitgehend unbemerkt in Buenos Aires. Obwohl 2006 bekannt wurde, dass der Aufenthaltsort Eichmanns dem Bundesnachrichtendienst bzw. der Organisation Gehlen und dem CIA offenbar bereits seit 1952 bekannt gewesen war, gelang es dem israelischen Geheimdienst Mossad erst 1960 Adolf Eichmann zu fassen und nach Israel zu überführen. In Jerusalem wurde er vor Gericht gestellt. Der Prozess begann im April 1961 und endete am 15. Dezember 1961 mit dem Todesurteil für den Angeklagten.
Eichmann hatte in Argentinien ein für ihn angenehmes, wenn auch für seine Verhältnisse sehr bescheidenes, Exil gefunden. Viele Nazis waren dorthin emigriert, da Argentinien zu dieser Zeit kein Auslieferungsabkommen mit Israel hatte. Auch der niederländische SS-Offizier Willem Sassen war seit 1948 in Argentinien untergetaucht. Sassen, der mit vielen weiteren Nationalsozialisten wie Josef Mengele und Ludolf von Alvensleben in Kontakt stand, führte 1957 ein Interview mit Eichmann. Auf 73 Tonbändern sprach Eichmann über seine Tätigkeit im Reichssicherheitshauptamt (RSHA). Anders als von Willem Sassen bezweckt - er wollte die Aussagen Eichmanns veröffentlichen, um damit den Holocaust zu relativieren und die "Ehre" Eichmanns wiederherzustellen - präsentierte sich Eichmann als überzeugter Massenmörder, der eigentlich noch mehr hätte leisten können. "Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, hätten wir von den 10,3 Millionen Juden, die Korherr (gemeint ist Richard Korherr, Leiter der statistischen Abteilung im SS-Hauptamt), wie wir jetzt nun wissen, ausgewiesen hat, 10,3 Millionen Juden getötet, dann wäre ich befriedigt und würde sagen, gut, wir haben einen Feind vernichtet."
In einer Produktion der Langen Nacht im Deutschlandradio Kultur und Deutschlandfunk, unter der Regie von Jochanan Shelliem, erschien 2011 ein Audio-Feature, das bisher unveröffentlichte Mitschnitte des Polizeiverhörs in Israel mit O-Tönen aus dem Sassen-Gespräch in Buenos Aires und den neuesten Forschungsergebnissen und Kommentaren der Historikerin Bettina Stangneth verbindet.
In einer eindrucksvollen Hörkollage kontrastiert Shelliem die verschiedenen Tonaufnahmen aus dem Sassen-Gespräch in Argentinien mit dem Polizeiverhör in Israel. Die Maskerade Eichmanns offenbart sich durch die unterschiedlichen Selbstdarstellungen des Nazis, aber auch durch Kommentare und weiterführende Informationen von der Historikerin Bettina Stangneth sowie durch Erinnerungen und Erläuterungen der Zeitzeugen Avner Less, Aharon Appelfeld und Michael Goldmann-Gilad. Mit der Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy, Ernst Krenek, Astor Piazolla u.a. gewährt Shelliem den Hörerinnen und Hörern kurze Pausen zwischen den bedrückenden Ton-Dokumenten. Pausen, die nicht zerstreuend wirken, sondern im Gegenteil, die Bedeutsamkeit des Materials sowie die Aussagen Eichmanns und deren Ungeheuerlichkeit betonen.
Im September 2011 ist das Hörbuch-Feature unter dem Titel "Begegnung mit einem Mörder. Die vielen Gesichter des Adolf Eichmann" beim Audio Verlag erschienen. Auf drei CDs (Gesamtlänge ca. 148 Min.) sind die verschiedenen Originaltöne von Adolf Eichmann, Berichte und Kommentare von Bettina Stangneth u.v.m. kontrastiv und anschaulich zusammengestellt. Das Feature zeigt das beeindruckende Porträt eines vielgesichtigen Massenmörders, der im Nationalsozialismus kein Einzelgänger war.
Informationen zum Hörbuch-Feature:
Jochanan Shelliem:
Begegnung mit einem Mörder. Die vielen Gesichter des Adolf Eichmann
Feature mit Dieter Mann, Udo Schenk, Jürgen Holtz u.v.a.
3 CDs (ca. 148 min)
19,99 Euro
ISBN 978-3-86231-1262
Weitere Empfehlungen:
Sophia Ihle
Foto: Eichmann-Prozess, 29.05.1961. Adolf Eichmann macht sich Notizen (US Holocaust Memorial Museum, Foto #65268)
Audio: Trailer von "Der Audio Verlag. Features von Jochanan Shelliem: Begegnung mit einem Mörder. Die vielen Gesichter des Adolf Eichmann". Mit freundlicher Genehmigung von Der Audio Verlag.
Sieben Monate lang geht das Verhör. Nur selten unterbricht der israelische Polizeihauptmann Avner Less Adolf Eichmann. Er lässt ihn reden. Die Darbietungen Eichmanns sind schier unerträglich. Er entspinnt ein Konstrukt aus Rechtfertigungen und Lügen. Immer wieder flüchtet er in nebensächliche und alltägliche Anekdoten. War Eichmann erst nach Minsk oder doch zuerst Białystok gefahren, um dort die Erschießungen von Juden zu kontrollieren? Er kann sich einfach nicht mehr an den genauen Reiseweg erinnern. Hieß die dortige Stelle nun Befehlshaber der Sicherheitspolizei oder hieß sie Einsatzkommando der Sicherheitspolizei? Eichmanns Ausflüchte sind absurd. Er versucht Genauigkeit zu suggerieren. Im Plauderton stilisiert er sich als Opfer und scheint nicht zu merken, dass er damit viele seiner Verbrechen genauestens beschreibt und gesteht. "Sehr groß war der Graben. Und da war ein riesiger Rost gewesen, ein Eisenrost, und darauf brannten Leichen. Und da ist mir schlecht geworden, da wurde mir schlecht."
Bis 1960 lebte der SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, der bis 1945 maßgeblich an der Ermordung von ca. sechs Millionen Juden beteiligt war, unter dem falschen Namen Riccardo Klement weitgehend unbemerkt in Buenos Aires. Obwohl 2006 bekannt wurde, dass der Aufenthaltsort Eichmanns dem Bundesnachrichtendienst bzw. der Organisation Gehlen und dem CIA offenbar bereits seit 1952 bekannt gewesen war, gelang es dem israelischen Geheimdienst Mossad erst 1960 Adolf Eichmann zu fassen und nach Israel zu überführen. In Jerusalem wurde er vor Gericht gestellt. Der Prozess begann im April 1961 und endete am 15. Dezember 1961 mit dem Todesurteil für den Angeklagten.
Eichmann hatte in Argentinien ein für ihn angenehmes, wenn auch für seine Verhältnisse sehr bescheidenes, Exil gefunden. Viele Nazis waren dorthin emigriert, da Argentinien zu dieser Zeit kein Auslieferungsabkommen mit Israel hatte. Auch der niederländische SS-Offizier Willem Sassen war seit 1948 in Argentinien untergetaucht. Sassen, der mit vielen weiteren Nationalsozialisten wie Josef Mengele und Ludolf von Alvensleben in Kontakt stand, führte 1957 ein Interview mit Eichmann. Auf 73 Tonbändern sprach Eichmann über seine Tätigkeit im Reichssicherheitshauptamt (RSHA). Anders als von Willem Sassen bezweckt - er wollte die Aussagen Eichmanns veröffentlichen, um damit den Holocaust zu relativieren und die "Ehre" Eichmanns wiederherzustellen - präsentierte sich Eichmann als überzeugter Massenmörder, der eigentlich noch mehr hätte leisten können. "Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, hätten wir von den 10,3 Millionen Juden, die Korherr (gemeint ist Richard Korherr, Leiter der statistischen Abteilung im SS-Hauptamt), wie wir jetzt nun wissen, ausgewiesen hat, 10,3 Millionen Juden getötet, dann wäre ich befriedigt und würde sagen, gut, wir haben einen Feind vernichtet."
In einer Produktion der Langen Nacht im Deutschlandradio Kultur und Deutschlandfunk, unter der Regie von Jochanan Shelliem, erschien 2011 ein Audio-Feature, das bisher unveröffentlichte Mitschnitte des Polizeiverhörs in Israel mit O-Tönen aus dem Sassen-Gespräch in Buenos Aires und den neuesten Forschungsergebnissen und Kommentaren der Historikerin Bettina Stangneth verbindet.
In einer eindrucksvollen Hörkollage kontrastiert Shelliem die verschiedenen Tonaufnahmen aus dem Sassen-Gespräch in Argentinien mit dem Polizeiverhör in Israel. Die Maskerade Eichmanns offenbart sich durch die unterschiedlichen Selbstdarstellungen des Nazis, aber auch durch Kommentare und weiterführende Informationen von der Historikerin Bettina Stangneth sowie durch Erinnerungen und Erläuterungen der Zeitzeugen Avner Less, Aharon Appelfeld und Michael Goldmann-Gilad. Mit der Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy, Ernst Krenek, Astor Piazolla u.a. gewährt Shelliem den Hörerinnen und Hörern kurze Pausen zwischen den bedrückenden Ton-Dokumenten. Pausen, die nicht zerstreuend wirken, sondern im Gegenteil, die Bedeutsamkeit des Materials sowie die Aussagen Eichmanns und deren Ungeheuerlichkeit betonen.
Im September 2011 ist das Hörbuch-Feature unter dem Titel "Begegnung mit einem Mörder. Die vielen Gesichter des Adolf Eichmann" beim Audio Verlag erschienen. Auf drei CDs (Gesamtlänge ca. 148 Min.) sind die verschiedenen Originaltöne von Adolf Eichmann, Berichte und Kommentare von Bettina Stangneth u.v.m. kontrastiv und anschaulich zusammengestellt. Das Feature zeigt das beeindruckende Porträt eines vielgesichtigen Massenmörders, der im Nationalsozialismus kein Einzelgänger war.
Informationen zum Hörbuch-Feature:
Jochanan Shelliem:
Begegnung mit einem Mörder. Die vielen Gesichter des Adolf Eichmann
Feature mit Dieter Mann, Udo Schenk, Jürgen Holtz u.v.a.
3 CDs (ca. 148 min)
19,99 Euro
ISBN 978-3-86231-1262
Weitere Empfehlungen:
- The Eichmann Trial: Yad Vashem, die Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Staates Israel im Holocaust und die israel state archives haben mehr als 200 Stunden des Eichmann-Prozesses auf Youtube zusammengestellt: Youtube-Channel EichmannTrialEN
- Jochanan Shelliem, geboren in Haifa, studierte Pädagogik, Englisch und Geschichte in Frankfurt am Main. Neben "Begegnung mit einem Mörder. Die vielen Gesichter des Adolf Eichmann" ist er Autor des DAV-Features "Weinen Sie nicht, die gehen nur baden! Zeugen des Auschwitz-Prozesses berichten.", das 2006 mit dem Deutschen Hörbuchpreis ausgezeichnet wurde.
- Die Philosophin und Publizistin Hannah Arendt verfolgte den Prozess gegen Adolf Eichmann als Pressekorrespondentin vor Ort. Die von ihr daraufhin beschriebene "Banalität des Bösen" löste heftige Kontroversen aus.
- Hannah Arendt: "Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen". Piper Verlag, 2006.
- http://www.piper-verlag.de/taschenbuch/buch.php?id=10255Hannah Arendt, Joachim Fest: "Eichmann war von empörender Dummheit. Gespräche und Briefe". Piper Verlag, 2011.
- http://www.piper-verlag.de/sachbuch/buch.php?id=17621Lionel Jullien: Hannah Arendt und die "Banalität des Bösen" (Arte, 11. April 2011)
- http://www.arte.tv/de/3833112.htmlAudio-Interview: Hannah Arendt und Joachim Fest über Eichmann und die Banalität des Bösen (youtube)
- Die Historikerin und Philosophin Bettina Stangneth forscht seit mehreren Jahren zum Fall Eichmann. Einige ihrer Ergebnisse hat sie veröffentlicht.
- Bettina Stangneth: Eichmann vor Jerusalem – Das unbehelligte Leben eines Massenmörders. 2011. (NDR Kultursachbuchpreis 2011)
- In einem Interview mit dem NDR spricht Bettina Stangneth über ihr Buch.
Sophia Ihle
Foto: Eichmann-Prozess, 29.05.1961. Adolf Eichmann macht sich Notizen (US Holocaust Memorial Museum, Foto #65268)
Audio: Trailer von "Der Audio Verlag. Features von Jochanan Shelliem: Begegnung mit einem Mörder. Die vielen Gesichter des Adolf Eichmann". Mit freundlicher Genehmigung von Der Audio Verlag.







