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Dossier: Frauen in Haft

Veranstaltungsbericht: "Frauen im Gulag"

Autor

Redaktion

Datum

26.03.2012

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Die Einrichtung des "Gulag"-Systems ist eins der wohl düstersten Kapitel in der Geschichte der ehemaligen Sowjetunion. Auch heute kommen den meisten Menschen wahrscheinlich Bilder von ausgehungerten und schwer arbeitenden Häftlingen in den Sinn, wenn sie den Begriff "Gulag" (Abkürzung der russischen Bezeichnung "Glawnoe Uprawlenije LAGerei" - Hauptverwaltung der Lager) hören. Wenig bekannt dürfte Vielen wohl die Situation weiblicher Gulag-Häftlinge sein.
 
So widmete sich am 6. März 2012 eine Veranstaltung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur der bisher wenig behandelten Thematik "Frauen im Gulag". Im Mittelpunkt dieses Themenabends stand ein äußerst interessantes Podiumsgespräch mit zwei Zeitzeuginnen. Die sehr gut besuchte Veranstaltung startete mit einem Filmtrailer der Berliner Agentur Heimatfilm, der Dokumente und Zeitzeugenzitate zum Thema "Frauen im Gulag" versammelte. Hier geht es zum Trailer und den ausführlichen Zeitzeugenportaits.
 
Dem Filmtrailer folgte ein Vortrag des Historikers Meinhard Stark, der ab Ende der 1980er Jahre - und damit in der DDR als einer der Ersten - intensiv zu Gulag-Inhaftierten forschte und 1994 über "Deutsche Frauen des Gulag" promovierte. Wie Stark in seinem Vortrag ausführte, machte die Lagerverwaltung unter stalinistischer Herrschaft kaum Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Gefangenen. Frauen hatten dieselben Arbeiten zu verrichten wie Männer, sie hatten kein Anrecht auf spezielle Kleidung oder Pflegeartikel für die Regelhygiene. Stark interpretierte dies als "planmäßige und zusätzliche Demütigung" der Gulag-Inhaftierten. Dennoch hätten es die Frauen geschafft, Nischen in diesem unwürdigen Alltag zu finden und sich der Repression beispielsweise durch Umarbeiten der Lagerkleidung widersetzt. Stark vertrat in diese Zusammenhang die Ansicht, dass Frauen trotz schwierigerer Umstände im Lager die Gesamtsituation physisch und psychisch besser verkrafteten als Männer. Abschließend betonte der Historiker, dass er unter "Gulag-Forschung" vor allem die "Beschäftigung mit dem individuellen Schicksal der Gefangenen" verstehe, da diese in den Akten der Gulag-Verwaltung nur als Zahlenkolonnen existierten. 
 
Das besondere "Bonbon" des Abends war das darauf folgende Zeitzeugengespräch mit den beiden ehemaligen Gulag-Insassinnen Irmgard Nitz und Herta Lahne, moderiert von dem Journalisten Sven-Felix Kellerhoff. Die beiden ehemaligen DDR-Bürgerinnen waren in den frühen 1950er Jahren für einige Jahre u.a. im Gulag Workuta in Nordrussland inhaftiert. Die Gründe für ihre Gefangennahme waren - aus heutiger ebenso wie aus damaliger Sicht - unverständlich, absurd, nichtig. Während Frau Lahne bis heute nicht weiß, warum sie in das Arbeitslager Workuta kam und zunächst sogar zum Tode verurteilt wurde, ist sich Frau Nitz sicher, dass sie ihre häufigen Besuche im Westen und ihre kritischen Kommentare über den DDR-Aktivisten Adolf Hennecke ins Gulag gebracht haben.
 
Beide Frauen berichteten sehr eindringlich, wie sie sich während der Zeit der Haft fühlten. "Ich war wie tot. Ich war innerlich hohl.", so die Zeitzeugin Herta Lahne. Sowohl Lahne als auch Nitz mussten im Gulag schwerste körperliche Arbeiten verrichten, Schnee schippen, Schienen verlegen, in Kohleschächten und Ziegeleien arbeiten oder sogar entgleiste Waggons bergen - bis zu 14 Stunden am Tag! Interessanterweise bekräftigte Irmgard Nitz die Meinung von Meinhard Stark, dass Frauen sich besser in ihr Schicksal gefügt hätten als Männer. 
 
Sowohl im Vortrag von Meinhard Stark als auch im Zeitzeugengespräch wurde deutlich, dass es auch im Gulag so etwas wie ein Alltagsleben gab, bei dem Freundschaften und Partnerschaften entstanden und sogar Kinder geboren wurden, die jedoch oftmals nach kurzer Zeit in Kinderheime gebracht wurden. Beide ehemalige Häftlinge berichteten, dass sie dieses Alltagsleben, die karge Freizeit und die freundschaftlichen Kontakte am Leben gehalten und den Überlebenswillen gestärkt hätten. Für die ausgebildete Sängerin und Schauspielerin Herta Lahne spielte darüber hinaus das Singen eine wichtige Rolle.
 
Neben den vielen Gemeinsamkeiten des Erlebten waren für den Zuhörer besonders die unterschiedlichen Erfahrungen der Zeitzeuginnen interessant. Während sich Irmgard Nitz zum Beispiel beharrlich weigerte, die Sprache ihrer Peiniger zu erlernen, war das Russischlernen für Herta Lahne eine wichtige Überlebensstrategie, da sie zunächst der einzige nicht-russische Häftling war und sonst keinerlei sprachlichen Kontakt zu anderen Häftlingen gehabt hätte. Jedoch kamen ihr ihre Russischkenntnisse nicht nur zugute. Von einigen Lagerwächtern sah sich Lahne auch mit Spionagevorwürfen konfrontiert. Irmgard Nitz lernte dagegen nur die nötigsten Begriffe, um die Befehle der Lagerwärter zu verstehen und befolgen zu können. Für sie war dies eine Möglichkeit, sich nicht zu sehr an den "Feind" anzupassen. 
 
Nach einigen Jahren im Lager wurden beide Frauen freigelassen. Einreisen durften beide nur in die DDR. Dort war es ihnen verboten, über das Erlebte zu sprechen. Irmgard Nitz flüchtete nach West-Berlin, wo sie ein neues Leben anfing und über ihre Gulag-Zeit sprechen konnte. Herta Lahne hat bis 1990 über das Erlebte geschwiegen und nach dem Fall der Mauer eine Therapie gemacht um die Vergangenheit verarbeiten zu können. Die Orte ihrer Haft haben Beide nicht noch einmal aufgesucht. "Das konnte ich nicht. Beim besten Willen nicht.", so Lahne vehement.
 
Insgesamt zeigte das Podiumsgespräch, dass wir heute noch sehr von Zeitzeugenberichten profitieren können, was Authentizität und Lebendigkeit des Erzählten angeht. Mitunter war es etwas schwierig, dem Erzählfluss und den bisweilen sprunghaften Erinnerungen der Zeitzeuginnen zu folgen. Hier hätte der Moderator vielleicht für mehr Stringenz sorgen können.
 
von Pia Heise
 
Hinweis: Im Anschluss an die Veranstaltung sprachen wir mit dem Historiker Meinhard Stark. Hier geht es zum Audio-Interview.
 
Foto: Die Zeitzeuginnen Herta Lahne und Irmgard Nitz mit Moderator Sven-Felix Kellerhoff im Veranstaltungssaal der Bundesstiftung Aufarbeitung (Kooperative Berlin)
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