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Dossier: Stasi

Schülerbeitrag: Drei Jugendliche im Visier der Stasi (Münster)

Autor

JakobHamidi

Datum

10.09.2012

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Jakob Hamidi, Schüler des Freiherr-vom-Stein-Gymmnasiums Münster, besuchte im April 2011 die von der BStU initiierte Ausstellung,  "Feind ist, wer anders denkt" im Rathaus der Stadt Münster. Das weckte sein Interesse für die Geschichte der DDR. Nach einem Praktikum bei der "Deutschen Gesellschaft" und einem Besuch im ehemaligen Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen beschäftigte ihn vor allem eine Frage: Wie haben Jugendliche in der DDR gelebt und überlebt?
 
Dieser Frage ging der 16-Jährige im Schuljahr 2011/12 in einem Aufsatz zum Thema "Jugendopposition" nach, aus dem drei Auszüge auf DeineGeschichte.de veröffentlicht werden. Den sehr lesenswerten Aufsatz kannst du hier in ganzer Länge lesen. Hier geht es zu den Auszügen "Macht & Methoden der Stasi" und "Lebenswege von oppositionellen Jugendlichen".
Wir danken Jakob viemals für die Erlaubnis zur Veröffentlichung seines Aufsatzes!


 
"Wir sind mündig, doch wir haben nichts zu sagen." - Drei Jugendliche geraten ins Visier der Stasi
 
Am 1. September 1985 nahmen viele Jugendliche an einer Mahnfeier und Friedenswache für die Opfer des Faschismus teil. Sie waren Mitglieder der Kirchengemeinde Rostock-Evershagen, in der der heutige Bundespräsident Joachim Gauck Pastor war. In der Nacht vom 2. zum 3. September 1985 schmierten drei Jugendliche namens Gunnar und Ute Christopher (die Beiden waren zu diesem Zeitpunkt miteinander verheiratet) sowie Dörte Neubauer in der Rostocker Innenstadt Parolen und Symbole an Häuserwände. Damit wollten sie ihre Unzufriedenheit mit dem DDR-Regime zum Ausdruck bringen. Parolen wie "Frieden schaffen ohne Waffen", "DDR-eingesperrt", "Wir sind mündig, doch wir haben nichts zu sagen!" und "DDR-KZ" prangten in roter Farbe an Ziegelmauern, Schaufenstern und Bushaltestellen. (Siehe: BStU 000370, 4.9.1985,  S.5 und  BStU 000371, 4.9.1985, S.6.).
 
Bei den "Schmierereien" handelte es sich aus Sicht der Stasi um staatsfeindliche Ausdrücke. Da die Parolen noch in der Nacht von der Stasi entdeckt wurden, kam es zur detaillierten Untersuchung und am 4. September 1985 bereits zur Anlegung des "Operativen Vorgangs" (OV) "Signal", der sich zum Ziel gesetzt hatte, die Täter zu fassen, um "mittels Verunsicherung oder Zersetzung weitere oder ähnliche Schmierereien durch diese auszuschließen." (Siehe: BStU 000374, 4.9.1985, S. 9.).
 
 
Verrat durch den "IM Sven Werder"
 
Wie kam es zur Entlarvung der Täter, die der Stasi bis dahin unbekannt waren? Die Stasi wandte sie sich an einen ihrer "Inoffiziellen Mitarbeiter" (IM) namens "Sven Werder". Gunnar zufolge handelte es sich bei dem IM "Sven Werder" um ein "Mädchen aus unserem Kreis" (Siehe: Interview vom 09.03. 2009, 19.37H.).
Die Quellen belegen, dass der IM "Sven Werder" Mitglied der Kirchengemeinde war, in der auch die drei Täter sich zuhause fühlten. Zudem hatte auch "er" an der Friedenswache am 1. September 1985 teilgenommen. Da man den Täterkreis in diesem Zirkel vermutete, wurde der IM "Sven Werder" aufgefordert, seine Eindrücke zu Papier zu bringen. Durch Aussagen des IM konzentrierte die Stasi ihre Nachforschungen ausschließlich auf die Teilnehmer der Friedenswache.
 
 
Spürhunde, Geruchs- und Schriftproben
 
Bei den weiteren Ermittlungen handelte es sich um die Befragung von 90 Tatverdächtigen mit anschließender Abnahme von Schriftproben. Hinzu kam die Anfertigung von sogenannten "Geruchsproben" von 16 Verdächtigen. Dies bestätigt auch Joachim Gauck in seinen Lebenserinnerungen, in denen er schreibt: "Sechzehn Jugendliche aus dem engeren Kreis wurden zudem einer demütigenden Prozedur unterzogen: Sie mussten sich weiche, gelbe Tücher für einige Minuten in die Unterhosen stecken, anschließend wurden diese Tücher in Gläsern eingeweckt." (Siehe: Gauck Joachim: Winter im Sommer –Frühling im Herbst. Erinnerungen, München 2011, 2 Auflage, S.182.)
Ferner führte die Kripo Rostock eine genaue Analyse der Tatorte mit Hilfe von Spürhunden durch, die ergab, dass die Täter an 11 verschiedenen Stellen Schmierereien begangen hatten. Zudem konnte man mit Spürhunden den Pinsel der Täter finden und Geruchskonserven entnehmen.
 
Am 25. Oktober 1985 erhielt das "Ministerium für Staatssicherheit" (MfS) die Ergebnisse durch die Kreisdienststelle Rostock, welches Schriftproben aller Probanden genommen hatte. Das MfS hatte die Schriftproben danach mit den Wandschmierereien verglichen und somit zwei Verdächtige ausmachen können. Ute geriet auch unter Verdacht. Um einen Beweis herzustellen, brach man das Postgeheimnis und fing private Briefe von ihr ab, worauf man auf "eine Vielzahl übereinstimmender Merkmale in der Buchstabenkonfiguration" stieß (Siehe: BStU,  000125, 25.10.1985, S.17.). Ute war somit entlarvt. Interessant ist, dass Gunnar in seinen Erinnerungen die Verhaftung ausschließlich auf den Verrat durch den Spitzel "Sven Werder" zurückführt. Er sagt sogar ausdrücklich, "wirklich überführt wurden wir durch diese Proben jedoch nicht." (Siehe: Interview vom 9.3.2009, 13.14H.).
 
Am 7. Februar 1986 gingen die Ermittlungen weiter. Durch Beobachtungsberichte, die Anträge auf Übersiedlung in die BRD, die Mitgliedschaft in der "jungen Gemeinde in Rostock" und die Aussage des IM "Sven Werder" filterte man auch die anderen beiden heraus. Am 1. Juli 1986 fällte das Kreisgericht Rostock-Stadt folgendes Urteil: Ute wurde zu 18 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Gunnar und Dörte verurteilte man zu "2 Jahren Bewährung, angedroht 1 Jahr Freiheitsentzug, 10 Tage gemeinnützige Arbeit in der Freizeit." (Siehe BStU, 000447, 1.7.1986, S.44.).
 
 
Text: Jakob Hamidi, 16 Jahre. Der Text ist ein Auszug aus dem Schüleraufsatz "Ich war noch niemals in New York,(…) ich war noch niemals richtig frei!". Jugend in der DDR der 80er Jahre zwischen Freiheitsdrang und Disziplinierung, dargestellt am Beispiel des OV "Signal", eingereicht im Schuljahr 2011/12. 
 
Foto: Freie Meinungsäußerung mit Kreide – in der DDR konnte man dafür ins Gefängnis kommen (Flickr / a_kep).

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