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Traumberuf Taxifahrer (Berlin)

Autor

MarioLehmann

Datum

01.01.1988

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Traumberuf Taxifahrer

Viel wird und wurde, gerade angesichts des 20 jährigen Jubiläums des Mauerfalls, über die DDR, das SED-Regime und die Gründe für den Untergang des deutsch-sozialistischen Staates geschrieben und diskutiert. Handelte es sich dabei um eine Revolution von unten, gab es äußere Faktoren oder wirtschaftete sich die DDR selbst zu Tode?
All dies soll uns an dieser Stelle nicht interessieren. Dieses Mal dreht sich es um das Arbeitsleben in der DDR. Genauer gesagt behandelt dieser Artikel den Berufsstand des Taxifahrers in der DDR.

Es darf durchaus von dem Beruf des Taxifahrers behauptet werden, er wäre ein Traumjob in der DDR gewesen. Doch, warum war das so? Heutzutage ist diese Beschäftigung alles andere als angesehen.
Zu aller erst muss man wissen, dass der SED-Staat dadurch, dass er sich als der sogenannte Arbeiter- und Bauernstaat verstand, seine Arbeiter, Bauern und Handwerker entsprechend gut bezahlte. Weiterhin wurde die intellektuelle Elite, also Wissenschaftler, Lehrer und andere Studierte, oft ähnlich bezahlt, als der gemeine Arbeiter. Es gab also kaum Verdienstunterschiede, sofern sich ein Arbeiter in seinem Gebiet etabliert hat. Berufsanfänger begannen natürlich mit weniger Gehalt.

Der Durchschnittsverdienst lag 1989/90 zwischen 900 – 1000 Mark. Dabei lagen Arbeiter, Handwerker, Bauern und Studierte auf etwa einem Niveau. Doch, weshalb soll ein Job als Taxifahrer besser sein?
Das hat mehrere Gründe. In Berlin beispielsweise war die Anzahl der Taxis begrenzt. Dabei handelte es sich um etwa 1300 – 1500 Taxis auf circa 1.200.000 Menschen. Manche Quellen sprechen sogar von nur 600 Taxis. Dementsprechend schwierig gestaltete es sich für einen Bürger der DDR, ein Taxi zu erwischen. Hinzu kommt, dass viele auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen waren, da nur wenige Menschen ein Auto besaßen. Entsprechend leer waren auch die Straßen. Umso begehrter war eine Taxifahrt, denn dann konnte ein Bürger einerseits mit einem Auto gefahren werden und andererseits konnte er in Fahrzeugen Platz nehmen, die sich kaum ein Bürger der DDR leisten konnte, etwa einem Wolga GAZ 24. Ein solcher kostete als Neuwagen immerhin circa 28.000 Mark. Wenn man sich dann noch ins Bewusstsein ruft, dass in der DDR kaum Kredite vergeben wurden, dass Geld für Neuanschaffungen also komplett gespart sein wollte und auf ein Auto in Berlin immerhin – je nach Fahrzeug – zehn bis 15 Jahre gewartet werden musste, kann sich der Leser unter Umständen vorstellen, wie besonders eine solche Fahrt in einem Wolga war.

Aus diesen Gründen ergibt sich ein besonderer Status für Taxifahrer. Auf dem Schwarzmarkt war man als solcher einiges wert. Aufgrund des nahezu immer währenden Mangels florierte der Tauschhandel und damit auch der Tausch von Dienstleistungen, zum Beispiel Taxifahrten. Der Beruf des Taxifahrers war somit  ein sehr angesehener.

Aber wie schlug sich das in Zahlen nieder? Ein Taxifahrer Ost-Berlins verdiente etwa 1000 Mark. Hinzu kam oft ebenso viel steuerfreies Trinkgeld. Weiterhin fuhr man als Ost-Berliner Taxifahrer häufig West-Kundschaft. Das bedeutet, es kamen D-Mark, US-Dollar und andere harte Währungen hinzu.

Wie wurde man Taxifahrer?
Das war deutlich schwieriger, als es heute der Fall ist. Während heute in Berlin (scheinbar) unbegrenzt viele Konzessionen vergeben werden – bis heute ein massiver Kritikpunkt – und nahezu jeder einen Personenbeförderungsschein erwerben kann, musste ein Ost-Berliner eine abgeschlossene Lehre (häufig in einem Metallberuf oder einem maschinell dominierten Beruf – sowie eine fahrtechnische Ausbildung und mindestens zwei Jahre Fahrpraxis auf einem LKW. All diese Bedingungen waren allerdings kein Garant dafür, als Taxifahrer angenommen zu werden. Da in Ost-Berlin die Anzahl der Taxifahrer staatlich begrenzt wurde, suchten die Kombinate entsprechend selten neue Fahrer. Ohne Vitamin B und einer gewissen politischen Unauffälligkeit ging ohnehin nichts. Zusätzlich noch eine Portion Glück und schon war man als Taxifahrer dick im Geschäft.

Das Schöne am Berufsleben eines Taxifahrers in Ost-Berlin war, dass das Autofahren und Arbeiten noch Spaß bereitete. Staus gab es nicht. Grüne Wellen waren an der Tagesordnung und mit gut 100 Sachen auf dem Tacho ließ es sich rasant und gemütlich arbeiten. Geblitzt wurde an Ampeln auch nicht. Wenn man also schnell bei rot rüberhuschte, war das weniger problematisch als heute. Und wenn einmal wirklich die Volkspolizei einen Stand aufbaute, ging die Nachricht unter den Taxifahrern ganz schnell per Funk umher. Ein weiterer Pluspunkt für den Beruf war, dass sich der Taxifahrer seine Kunden aussuchen konnte. Missfiel ihm ein potentieller Kunde, lud er ihn einfach nicht ein. An Kunden mangelte es schließlich nicht.

Trotz aller Vorteile für den einzelnen Taxifahrer bedeuteten diese Umstände stets Nachteile für den einfachen Bürger, der ein Taxi benötigte. Es waren zu wenige Taxis vorhanden, wenn im Fernsehen Fußball lief, fuhren oftmals gar keine mehr und aufgrund der guten Verdienstmöglichkeiten brauchte auch niemand nachts zu fahren. Das heißt letztlich für uns heute: Gut, dass wir heute so viele Taxis zur Auswahl haben. Das ist umso bequemer für uns. Schlecht für die Taxifahrer dagegen, die immer schlechter verdienen und immer länger arbeiten müssen, um ihren Verdienst konstant zu halten. MLe


 
Foto: Ein typisches Taxi der DDR: Der Wolga GAZ M24
Quelle: © DEFA 1974 | Spielfilm "Hallo Taxi"

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