Dossier: Friedliche Revolution
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Erinnerungen: "Allen gehört Alles"
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Datum
22.10.2012
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Familie, Jugend & Schule
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Jeder hat seine ganz persönlichen Erinnerungen an den Herbst 1989 und die Zeit zwischen Revolution und Wiedervereinigung. Eine Zeit, in der Weltgeschichte geschrieben und Privates politisch wurde. Wie haben Autoren der Kooperative Berlin das Ende der DDR erlebt? Ein ganz persönlicher Revolutionsrückblick von Sophia Freund.
Ein Sonntagsausflug nach "drüben"
Ich sitze auf der Rückbank unseres "Audi-Erbspüree" – benannt nach der Farbe, die an ansatzweise verdautes Erbsenpüree erinnert und noch Anfang der 1980er ziemlich modern war – und grüble. Wir fahren über holprige Straßen mit Löchern und Rissen im Teer. Graue, braune und graubraune Häuser stehen hinter ungepflasterten Gehwegen. Der ein oder andere Trabbi steht am Straßenrand. Irgendwie sieht es hier schon anders aus als bei "uns". Aber so ganz Klischee ist das nicht.
Meine Eltern und ich, heute mal ohne meine ältere Schwester, haben unseren Sonntagsausflug an diesem Februarwochenende ins Rote Moor in die hessische Rhön gemacht. Wie jedes Wochenende irgendwo, irgendwie raus. Doch diesmal entscheidet mein Vater, dass wir doch im Anschluss noch mal kurz "rüber" fahren könnten. Jetzt wo man doch "rüber" kann. Wenn wir schon mal da sind. Also fahren wir nach Ehrenberg und von dort über die ehemalige Grenze nach Birx. Birx liegt in einem Zipfel Thüringens, eingefasst von Bayern und Hessen. Der Grenzstreifen ist noch deutlich zu sehen: Eine brachliegende Fläche mitten in der hügeligen Landschaft der Rhön.
Während wir langsam durch den kleinen Ort fahren werde ich nachdenklich. Die Mauer, die DDR, das Leben der Menschen hier, das alles ist in dem Moment für mich nicht greifbar, es ist zu paradox, zu weit weg von meiner Lebenswelt. Ich bin sieben Jahre alt, gehe gerade in die zweite Klasse und kenne keine politische Erziehung in dem Sinne, wie sie meine Altersgenossinnen hier im Ort vielleicht erfahren hatten. In Erdkunde lerne ich später die Geographie Deutschlands. Für mich gibt es dann bereits nur noch Gesamtdeutschland. Meine Schwester wird dazu nur empört feststellen, dass sie noch unterscheiden lernen musste, welches Bundesland zu welchem Deutschland gehörte. Ich muss sie einfach nur noch auswendig lernen. Doch welche Bedeutung hat das für mich?
Was ist eigentlich "Kommunismus"?
"Was ist eigentlich 'Kommunismus'?", frage ich neugierig meine Eltern von der Rückbank aus. (Nicht, dass ich alles andere, was zur Teilung Deutschlands beigetragen hat, verstanden hätte. Aber jetzt erst einmal politische Theorie. Bitte!) Die Antwort meiner Eltern ist: "Im Kommunismus gehört Allen Alles."
So. Und jetzt sitze ich da und schaue auf die Häuser, Straßen, Wäscheleinen, Gartenmöbel, Katzen und Blumentöpfe, die bis vor kurzem noch allen gehört haben, und komme aus dem Grübeln nicht mehr raus. Wie soll das denn gehen? Jetzt rein logistisch betrachtet. Erhält jeder das, was er braucht und gibt es nach Gebrauch wieder ab? Es ist ja schließlich nicht sein Eigentum, sondern das der Gemeinschaft. Aber, wie soll das bloß mit so privaten Dingen wie z.B. Unterwäsche funktionieren? Und was ist wenn Leute unterschiedliche Dinge bevorzugen? In meiner Fantasie entstehen riesige Verteilerstellen, mit großen, zu Pyramiden geformten Haufen verschiedenster Produkte, wie Unterhosen, Schuhe und Spielzeug. Jeder kann sie sich morgens abholen und muss sie am Abend wieder zurück bringen. Aber obwohl ich versuche, alles genau zu durchdenken, stoße ich schließlich immer wieder an folgenden Punkt: Kein Mensch möchte eben seine verfluchte Unterhose mit einem Fremden teilen! Sondern sie nur für sich alleine behalten und sie außerdem auch in einer besonderen Form und Farbe haben.
Wir fahren weiter, raus aus dem Ort in Richtung Westen. Es ist hoffnungslos. Irgendein wichtiger Punkt im Konzept des Kommunismus entgeht mir offensichtlich. Oder der Kommunismus funktioniert einfach nicht. Eins von beiden.
Text: Sophia Freund. Sophia Freund ist Historikerin. Ihre Erinnerungen erschienen zuerst auf dem Onlineportal "Revolution & Einheit" der Kooperative Berlin.
Foto: Heute ist die Sache mit dem Eigentum zum Glück viel klarer geregelt. Oder etwa nicht? (Flickr / henteaser).
Ein Sonntagsausflug nach "drüben"
Ich sitze auf der Rückbank unseres "Audi-Erbspüree" – benannt nach der Farbe, die an ansatzweise verdautes Erbsenpüree erinnert und noch Anfang der 1980er ziemlich modern war – und grüble. Wir fahren über holprige Straßen mit Löchern und Rissen im Teer. Graue, braune und graubraune Häuser stehen hinter ungepflasterten Gehwegen. Der ein oder andere Trabbi steht am Straßenrand. Irgendwie sieht es hier schon anders aus als bei "uns". Aber so ganz Klischee ist das nicht.
Meine Eltern und ich, heute mal ohne meine ältere Schwester, haben unseren Sonntagsausflug an diesem Februarwochenende ins Rote Moor in die hessische Rhön gemacht. Wie jedes Wochenende irgendwo, irgendwie raus. Doch diesmal entscheidet mein Vater, dass wir doch im Anschluss noch mal kurz "rüber" fahren könnten. Jetzt wo man doch "rüber" kann. Wenn wir schon mal da sind. Also fahren wir nach Ehrenberg und von dort über die ehemalige Grenze nach Birx. Birx liegt in einem Zipfel Thüringens, eingefasst von Bayern und Hessen. Der Grenzstreifen ist noch deutlich zu sehen: Eine brachliegende Fläche mitten in der hügeligen Landschaft der Rhön.
Während wir langsam durch den kleinen Ort fahren werde ich nachdenklich. Die Mauer, die DDR, das Leben der Menschen hier, das alles ist in dem Moment für mich nicht greifbar, es ist zu paradox, zu weit weg von meiner Lebenswelt. Ich bin sieben Jahre alt, gehe gerade in die zweite Klasse und kenne keine politische Erziehung in dem Sinne, wie sie meine Altersgenossinnen hier im Ort vielleicht erfahren hatten. In Erdkunde lerne ich später die Geographie Deutschlands. Für mich gibt es dann bereits nur noch Gesamtdeutschland. Meine Schwester wird dazu nur empört feststellen, dass sie noch unterscheiden lernen musste, welches Bundesland zu welchem Deutschland gehörte. Ich muss sie einfach nur noch auswendig lernen. Doch welche Bedeutung hat das für mich?
Was ist eigentlich "Kommunismus"?
"Was ist eigentlich 'Kommunismus'?", frage ich neugierig meine Eltern von der Rückbank aus. (Nicht, dass ich alles andere, was zur Teilung Deutschlands beigetragen hat, verstanden hätte. Aber jetzt erst einmal politische Theorie. Bitte!) Die Antwort meiner Eltern ist: "Im Kommunismus gehört Allen Alles."
So. Und jetzt sitze ich da und schaue auf die Häuser, Straßen, Wäscheleinen, Gartenmöbel, Katzen und Blumentöpfe, die bis vor kurzem noch allen gehört haben, und komme aus dem Grübeln nicht mehr raus. Wie soll das denn gehen? Jetzt rein logistisch betrachtet. Erhält jeder das, was er braucht und gibt es nach Gebrauch wieder ab? Es ist ja schließlich nicht sein Eigentum, sondern das der Gemeinschaft. Aber, wie soll das bloß mit so privaten Dingen wie z.B. Unterwäsche funktionieren? Und was ist wenn Leute unterschiedliche Dinge bevorzugen? In meiner Fantasie entstehen riesige Verteilerstellen, mit großen, zu Pyramiden geformten Haufen verschiedenster Produkte, wie Unterhosen, Schuhe und Spielzeug. Jeder kann sie sich morgens abholen und muss sie am Abend wieder zurück bringen. Aber obwohl ich versuche, alles genau zu durchdenken, stoße ich schließlich immer wieder an folgenden Punkt: Kein Mensch möchte eben seine verfluchte Unterhose mit einem Fremden teilen! Sondern sie nur für sich alleine behalten und sie außerdem auch in einer besonderen Form und Farbe haben.
Wir fahren weiter, raus aus dem Ort in Richtung Westen. Es ist hoffnungslos. Irgendein wichtiger Punkt im Konzept des Kommunismus entgeht mir offensichtlich. Oder der Kommunismus funktioniert einfach nicht. Eins von beiden.
Text: Sophia Freund. Sophia Freund ist Historikerin. Ihre Erinnerungen erschienen zuerst auf dem Onlineportal "Revolution & Einheit" der Kooperative Berlin.
Foto: Heute ist die Sache mit dem Eigentum zum Glück viel klarer geregelt. Oder etwa nicht? (Flickr / henteaser).






