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Zeitgeschichte als Streitgeschichte

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Datum

24.03.2011

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Das Spannungsverhältnis zwischen Erinnerungskultur und Wissenschaft. Individualisierung von Geschichte oder Objektivität in ihrer Betrachtung. Wie kann der Verlauf von Geschichte authentisch rekonstruiert und kontextualisiert werden, damit eine "angemessene" Deutung möglich ist? Bei der Abendveranstaltung "Die Kunst des Erinnerns" in der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur am 22. März wurde kontrovers über die Deutungskonkurrenz zwischen Zeithistorikern und Zeitzeugen diskutiert.  

An diesem Abend wurde in der Stiftung Aufarbeitung über das Verhältnis von Miterlebenden und Wissenschaft, über den Konflikt zwischen dem moralischen Diskurs der Erinnerung und dem rationalen Erklärungsanspruch der Zeithistoriker, über ihre gegenseitigen Erwartungen und den Stellenwert von Erinnerung in der Wissenschaft diskutiert. Zeitzeugen, so Dr. Anna Kaminsky in ihrer Begrüßungsrede, seien längst aus ihrer Rolle der reinen Überlieferer ausgebrochen. Sie sähen sich weniger als reine Zeitzeugen, denn als Geschichtsdeutende – und treten damit in Konkurrenz mit den Wissenschaftlern. Der Streit um die sogenannte Deutungshoheit von Geschichte sei also vorprogrammiert.

In seinem Eröffnungsvortrag wies Prof. Dr. Alexander von Plato auf Missverständnisse in der Debatte zwischen Zeithistorikern und Zeitzeugen hin. So ginge es bei der Oral History z. B. in der Erfahrungsgeschichte nicht nur um die Rekonstruktion von Ereignissen und Abläufen, sondern um die Verarbeitung historischer Erlebnisse und ihrer Nachwirkungen. Diese Verarbeitung aber bräuchte spezifische Methoden und eigene Instrumente, wie etwa die Arbeit mit Zeitzeugen. Damit seien oder sollten Miterlebende und Wissenschaftler nicht nur Konkurrenten, sondern auch Kooperateure sein. Zeitgeschichtler und Zeitzeugen stünden in einem Wechselverhältnis zueinander: So wie die Wissenschaft die Zeitzeugen als Quellen benötige, benötigen die Zeitzeugen deren Interesse an ihren eigenen Geschichten und eine Kontextualisierung ihrer Geschichte auch zur eigenen Verarbeitung.

Auch auf dem Podium waren sich die Teilnehmer eigentlich einig darüber, dass Zeitzeugen und Zeithistoriker nicht ohne einander auskommen und gegenseitig durchaus von Nutzen sein können. Dr. Günter Kröber, Rechtsanwalt und Politiker und Mitglied im Stiftungsrat der BStA, schilderte aus seiner Sicht als Zeitzeuge die Schwierigkeit, seine eigene Erinnerung, z.B. über die Frühphase der DDR und ihre Blockparteien, in Einklang zu bringen mit einigen Aussagen in der Wissenschaft. Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk, Zeithistoriker und Autor, begegnete der Frage nach der Arbeit mit Zeitzeugen, mit seinem Grundsatz der Quellenkritik, die alles hinterfragt. Grundsätzlich gäbe es für ihn auch keine Hierarchisierung unterschiedlicher Quellen, Zeitzeugen wären genauso Teil der Quellenarbeit wie etwa Akten. Weiterhin wies er von sich, dass es eine Objektivität in der wissenschaftlichen Geschichtsbetrachtung gäbe, da auch der Historiker dem jeweils herrschenden Zeitgeist unterliege. Bettina Effner, Leiterin der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde, schilderte die Zusammenarbeit in der Gedenkstätte mit Zeitzeugen und die besondere Verbundenheit zu Zeitzeugen als sehr gewinnbringend. Einerseits könne Raum für ihre Erinnerungen geschaffen werden, andererseits könne eine Ausstellung der Gedenkstätte erst mit Hilfe von Zeitzeugenüberhaupt gestaltet werden. Die Personalisierung von Geschichte sei eine wichtige Darstellungsform ebenso wie die Einbeziehung der erfahrungsgeschichtlichen Dimension. Prof. Dr. Bernd Faulenbach, Historiker an der Ruhr-Universität Bochum, erinnerte daran, dass Historiker kein Gericht oder gar Ankläger darstellen, sondern lediglich versuchten, die Vergangenheit zu erklären und zu verstehen. Diese Arbeit sei jedoch immer begleitet von Missverständnissen zwischen Zeitzeugen und Historikern. Die Frage danach, wer eigentlich urteilen   darf, wer die Kompetenz dazu habe, führe immer wieder zu den genannten Diskussionen. 

Über die eigentliche Fragestellung des Abends, ob die Deutungshoheit über Vergangenes bei Zeithistorikern und Zeitzeugen liege, herrschte bei den Teilnehmenden weitestgehend Konsens. Zeitzeugen seien unentbehrlich für die Aufarbeitung von Geschichte, müssten aber ebenso kritisch betrachtet werden wie jede andere historische Quelle. Mit nach Hause genommen haben wohl alle Teilnehmer eines: Die Begegnung von Zeitzeugen und Zeithistorikern ist zwar spannungsreich, kann aber sehr fruchtbar sein.
 
Kaja Wesner und Johanna Schniedergers von DeineGeschichte haben auf der Veranstaltung mit Ilko-Sascha Kowalczuk und Günter Kröber gesprochen!

Johanna Schniedergers
 
Foto: Kaja Wesner / Kooperative Berlin
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