Dossier: Friedliche Revolution
Kalenderblatt: Das Ende der Muskelspiele
Die DDR ist eine Nation der Feiern und Feiernden. 5000 Volksfeste zelebriert man dort Ende der 1980er pro Jahr – so verzeichnet es zumindest der offizielle Festkalender. Richtig krachen lässt es die Republik immer am 8. März (internationaler Frauentag), 1. Mai (Tag der Arbeit) und 7. Oktober (Nationalfeiertag/ Republikgeburtstag). Dann gibt es Arbeiterfestspiele, Aufmärsche, Auszeichnungsveranstaltungen, Betriebsfeste, Demonstrationen, Haus-, Hof- und Straßenfeste, Jugendfestivals, Sportfeste und, und, und. Auch der 7. Oktober 1989 – der 40. Republikgeburtstag – soll groß gefeiert werden. Die Feier wird zur letzten großen Propagandaschau der SED-Führung, zum militärischen Muskelspiel. Es gelingt der Führungsriege jedoch nicht, den Protest im eigenen Land zum Schweigen zu bringen.
Foto: BArch, Bild 183-1989-1007-036/ Peer Grimm
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Statt Brot und Spielen gibt es für das gefrustete Volk am Vorabend des 7. Oktobers in Ost-Berlin einen Fackelzug mit 100.000 FDJlern und eine Ehrentribüne mit namhaften SED-Freunden aus aller Welt zu bestaunen (neben Ehrengast Gorbatschow und dem Führungspersonal Bulgariens, Polens, Rumäniens und Tschechiens auch Jassir Arafat, Daniel Ortega, Vertreter Vietnams, Afghanistans, Nordkoreas, Kubas etc.). "Gorbi, Gorbi"-Rufe werden laut. Gorbatschow sucht am Folgetag – zwischen Militärparade und Staatsbankett – das Gespräch mit dem SED-Politbüro und findet lauter reformunwillige Stillstandsvertreter vor. Gorbatschows sachte Warnung, dass bestraft werden wird, wer die Zeichen der Zeit nicht erkennt, geht im Feierlärm erst einmal unter.
Während sich die Staatstreu(est)en am Abend des 7. Oktober im Palast der Republik zum Staatsempfang einfinden, erinnern ein paar Straßen weiter einige dutzend Demonstranten an die Wahlfälschung vom 7. Mai 1989 – trotz der äußerst angespannten Stimmung, die seit Tagen in der gesamten Republik herrscht, trotz der massiven Präsenz von Volkspolizei, Bereitschaftspolizei, Transportpolizei, MfS-Truppen und NVA-Soldaten, trotz der vehement geschürten Angst vor einer "chinesischen Lösung". Doch auch die Westpresse ist in diesem Moment vor Ort. Unter ihren Augen kommt es in den folgenden Stunden rund um den Alexanderplatz in Berlin-Mitte und in der Nähe der Gethsemanekirche in Berlin-Prenzlauer Berg zu 1200 – zum Teil äußerst brutalen – Übergriffen auf oftmals unbeteiligte Passanten. Die Ereignisse werden via Westfernsehen auch in der DDR sofort bekannt, wenige Tage später folgen authentische Berichte, die die SED-Führung – auch in der eigenen Partei – endgültig bloßstellen: Die Zugeführten wurden oft über 24 Stunden festgehalten, beleidigt, bespuckt, mit Schlägen und Tritten misshandelt, vielen wurden jegliche Bewegung, das Sitzen oder die Notdurft verweigert, Frauen und Mädchen mussten nackt "Sport treiben" oder wurden beim Verrichten der Notdurft beobachtet und dergleichen mehr. Im Gegenzug findet sich in den Akten des MfS kein Hinweis auf besondere Gewaltbereitschaft der Demonstranten vom 7. Oktober.
Die Machtdemonstration der DDR-Führungsriege ist groß und entsetzlich, die Stunde der Muskelspiele aber hat geschlagen: Nur zwei Tage später, am 9. Oktober 1989, versammeln sich in Leipzig 70.000 mutige Bürger zur Montagsdemonstration. Der Tag gilt als Wendepunkt, als Beginn der wahrhaft friedlichen Revolution.
Miriam Menzel
Während sich die Staatstreu(est)en am Abend des 7. Oktober im Palast der Republik zum Staatsempfang einfinden, erinnern ein paar Straßen weiter einige dutzend Demonstranten an die Wahlfälschung vom 7. Mai 1989 – trotz der äußerst angespannten Stimmung, die seit Tagen in der gesamten Republik herrscht, trotz der massiven Präsenz von Volkspolizei, Bereitschaftspolizei, Transportpolizei, MfS-Truppen und NVA-Soldaten, trotz der vehement geschürten Angst vor einer "chinesischen Lösung". Doch auch die Westpresse ist in diesem Moment vor Ort. Unter ihren Augen kommt es in den folgenden Stunden rund um den Alexanderplatz in Berlin-Mitte und in der Nähe der Gethsemanekirche in Berlin-Prenzlauer Berg zu 1200 – zum Teil äußerst brutalen – Übergriffen auf oftmals unbeteiligte Passanten. Die Ereignisse werden via Westfernsehen auch in der DDR sofort bekannt, wenige Tage später folgen authentische Berichte, die die SED-Führung – auch in der eigenen Partei – endgültig bloßstellen: Die Zugeführten wurden oft über 24 Stunden festgehalten, beleidigt, bespuckt, mit Schlägen und Tritten misshandelt, vielen wurden jegliche Bewegung, das Sitzen oder die Notdurft verweigert, Frauen und Mädchen mussten nackt "Sport treiben" oder wurden beim Verrichten der Notdurft beobachtet und dergleichen mehr. Im Gegenzug findet sich in den Akten des MfS kein Hinweis auf besondere Gewaltbereitschaft der Demonstranten vom 7. Oktober.
Die Machtdemonstration der DDR-Führungsriege ist groß und entsetzlich, die Stunde der Muskelspiele aber hat geschlagen: Nur zwei Tage später, am 9. Oktober 1989, versammeln sich in Leipzig 70.000 mutige Bürger zur Montagsdemonstration. Der Tag gilt als Wendepunkt, als Beginn der wahrhaft friedlichen Revolution.
Miriam Menzel
Foto: BArch, Bild 183-1989-1007-036/ Peer Grimm






