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Dossier: Friedliche Revolution

Kalenderblatt: "Wir sind keine Fans von Egon Krenz"

Autor

Redaktion

Datum

04.11.1989

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Die Demonstration am 4. November in Ost-Berlin ist die erste genehmigte nicht-staatlich gelenkte Demonstration in der Geschichte der DDR. Initiiert vom Neuen Forum und anderen oppositionellen Gruppen, melden verschiedene Künstlerverbände die Demonstration schon Mitte Oktober offiziell an. Dies soll den Anschein einer staatsfeindlichen Versammlung mindern. Die offiziell deklarierten Forderungen beschränken sich auf Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit.

 

Ein großes Thema im Vorfeld der Demonstration ist die Gewaltfrage. Nach der brutal niedergeschlagenen Demonstration in Ost-Berlin rund um die Feierlichkeiten des 40. Jahrestages der DDR am 7. Oktober wollen die Veranstalter einen erneuten Gewaltausbruch unbedingt verhindern. Sie gehen daher mit der Volkspolizei eine Partnerschaft ein und bürgen für einen friedlichen Verlauf des Protests. Zahlreiche Schauspieler und Mitglieder der oppositionelle Gruppen legen sich Schärpen mit der Aufschrift "Keine Gewalt" um und begleiten die Demonstration als Ordner. Das Konzept geht auf. Die Sicherheitstruppen sind zwar weiterhin in erhöhter Alarmbereitschaft, aber es sind kaum uniformierte Sicherheitskräfte auf dem Alexanderplatz zu sehen. Ein erwarteter gewaltsamer Durchbruch der Demonstranten durch die Berliner Mauer bleibt aus.

 

Auf der Abschlusskundgebung sprechen neben Vertretern des "Neuen Forums" vorwiegend landesweit bekannte Intellektuelle. Unter ihnen sind Schriftsteller wie Christoph Hein, Stefan Heym, Christa Wolf aber auch die Schauspieler Jan Josef Liefers, Ulriche Mühe und Steffie Spira. Begleitet von riesigem Beifall verlangen sie wie auch auf den vorangegangenen Demonstrationen einen allgemeinen Neuanfang auf demokratischer Grundlage. Sie fordern neue staatliche und wirtschaftliche Strukturen und vor allem ein Ende des Führungsanspruchs der SED und die Abschaffung der Stasi. 

 

Politbüro-Mitglied Günter Schabowski, SED-Mitglied Gregor Gysi und der ehemalige Stasi-General Markus Wolf versuchen die Massen zu erreichen, indem sie mögliche Reformen in Aussicht stellen. Doch die Entwicklungen der vergangenen Wochen deuten mehr und mehr auf einen Machtverlust der SED. Die Führungsspitze handelt nicht mehr geschlossen und auch die Forderungen der oppositionellen Gruppen können nicht mehr einfach ignoriert werden.

 

Wenige Tage zuvor kündigte das Ministerium des Inneren die Prüfung einer offiziellen Zulassung des "Neuen Forums" an. Das Ausmaß der Protestwelle gibt ein neues Selbstvertrauen und die SED-Führung muss unter dem Druck der Volkes Zugeständnisse machen. Begleitet von anhaltenden Pfiffen und den bekannten Parolen "Wir sind das Volk!", "Visafrei bis Hawai!" und "Stasi in die Volkswirtschaft!" scheitern die Bemühungen der SED-Vertreter sich verständlich zu machen. Zahlreiche Demonstranten tragen selbstgemalte Transparente mit Losungen wie "Wir sind keine Fans von Egon Krenz" oder "Volksentscheid zum Führungsanspruch der SED".

 

Entgegen der eigenen Planung, schaltet sich auch das DDR-Fernsehen live in die Veranstaltung ein, kommentiert ausführlich den Verlauf der Demonstration und reflektiert parallel dazu kritisch ihr bisheriges Handeln im SED-Staat. Die Entscheidung fällt ohne Rücksprache mit den leitenden Verantwortlichen. Eine Million Menschen außerhalb von Berlin verfolgen den Demonstrationszug von zu Hause aus. Der Protest erreicht eine neue Reichweite.

 

Kaja Wesner 
 
 
Hier findet ihr ein Video-Interview zum 4. November 1989 mit dem Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk.
 
 
Foto: Rede Günter Schabowskis auf dem Berliner Alexanderplatz (BArch, Bild 183-1989-1104-455/ Peer Grimm)
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