Dossier: Geschichte erzählen
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Einführungstext: Geschichte erzählen
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Datum
13.01.2012
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"Die Geschichte des Menschen beginnt mit der Erfindung des Erzählens", sagen einige Soziologen und Anthropologen und beziehen sich damit auf die Annahme, dass bereits in vielen Völkern der Urzeit der Erzähler die wichtige Funktion des Bewahrers eines sogenannten "sozialen Gedächtnisses" innehatte. Im Laufe der Zeit haben sich die Formen und Inhalte von erzählter Geschichte zwar gewandelt, doch das Erzählen selbst ist eine Konstante im kulturellen Generationenwechsel geblieben.
Geschichte zu erzählen und Geschichte zu erfahren, sind elementare Bestandteile der menschlichen Kultur. Die Weitergabe des Geschichtswissens erfolgte Jahrtausendelang vor allem mündlich. Daneben entwickelten sich schriftliche Formen der Geschichtsvermittlung. Aus der Frühzeit der Menschheitsgeschichte sind vor allem Auftragswerke der herrschenden Eliten überliefert, darunter Herrscherlisten wie die Assyrische Königsliste oder Reliefs mit Kriegs- und Eroberungsszenen wie die sumerische Geierstele. Als eine der ältesten erhaltenen Geschichtserzählungen Europas gilt die Ilias, ein komplexes Schriftwerk, in das mündliche Erzähltraditionen einflossen.
Aus Antike und Mittelalter sind verschiedenste Formen der Geschichtserzählung bekannt - von prosaischen Großwerken wie den Historien des Herodot bis hin zu stichpunktartigen Stadt- und Klosterchroniken, natürlich auch bildgewaltige Geschichtserzählungen wie die Trajansäule oder der Teppich von Bayeux. Auch die aus dieser Zeit überlieferten Geschichtserzählungen entstanden zumeist im Auftrag weltlicher oder geistlicher Herrscher und waren oft streng durchkonstruiert, was Inhalt und Form betraf. Die Erzähltraditionen der unteren Bevölkerungsschichten liegen dagegen auch für diese Zeit (weitgehend) im Verborgenen.
Von der Antike bis zur Moderne lässt sich ein zunehmendes Interesse an der Fixierung, Kanonisierung und Systematisierung des Geschichtswissens beobachten. Von großer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die Durchsetzung des Buchdrucks. Textbasierte Geschichtserzählungen - zum Beispiel in Form des unterhaltsamen historischen Romans - gewannen stark an Bedeutung, was auch auf die zunehmende Alphabetisierung zurückzuführen ist. Spätestens seit dem 19. Jahrhundert sind Geschichtserzählungen Gegenstand wissenschaftlicher Forschung und Kritik. Seitdem fragen wir nach Objektivität und Authentizität, Zweck und Wert der Erzählungen. Postmodernismus und Poststrukturalismus haben die Suche nach "historischen Wahrheiten" und objektiven Formen der Geschichtsvermittlung zuletzt nachhaltig in Frage gestellt.
Die Entwicklung des modernen Kommunikations- und Nachrichtenwesens hat dazu geführt, dass wir heute auf eine Vielzahl von Geschichtserzählungen zugreifen können. Die verfügbaren Formen und Inhalte scheinen im digitalen Zeitalter stetig anzuwachsen. Zugleich erleben Formen des mündlichen Erzählens und die Weitergabe von Geschichtswissen durch Zeitzeugen eine wahre Renaissance. Beispiele hierfür sind das Großprojekt "Visual History Archive" des Shoa Foundation Institute oder das "Gedächtnis der Nation". Ansätze der Fixierung und Kanonisierung von Geschichtswissen werden indes massiv infrage gestellt: Wikis und Kommentarfunktionen ermöglichen multiple Autorschaft und (scheinbar) beliebiges Fort- um Umschreiben von Geschichtserzählungen. Dank Twitter, Facebook und Co versteht sich heute jeder Empfänger von Informationen zugleich auch als Sender.
Und wie wird morgen Geschichte erzählt?
Text: Sophia Ihle und Miriam Menzel, Kooperative Berlin
Foto: "Story time" (Flickr / Kingston Information and Library Service)
Geschichte zu erzählen und Geschichte zu erfahren, sind elementare Bestandteile der menschlichen Kultur. Die Weitergabe des Geschichtswissens erfolgte Jahrtausendelang vor allem mündlich. Daneben entwickelten sich schriftliche Formen der Geschichtsvermittlung. Aus der Frühzeit der Menschheitsgeschichte sind vor allem Auftragswerke der herrschenden Eliten überliefert, darunter Herrscherlisten wie die Assyrische Königsliste oder Reliefs mit Kriegs- und Eroberungsszenen wie die sumerische Geierstele. Als eine der ältesten erhaltenen Geschichtserzählungen Europas gilt die Ilias, ein komplexes Schriftwerk, in das mündliche Erzähltraditionen einflossen.
Aus Antike und Mittelalter sind verschiedenste Formen der Geschichtserzählung bekannt - von prosaischen Großwerken wie den Historien des Herodot bis hin zu stichpunktartigen Stadt- und Klosterchroniken, natürlich auch bildgewaltige Geschichtserzählungen wie die Trajansäule oder der Teppich von Bayeux. Auch die aus dieser Zeit überlieferten Geschichtserzählungen entstanden zumeist im Auftrag weltlicher oder geistlicher Herrscher und waren oft streng durchkonstruiert, was Inhalt und Form betraf. Die Erzähltraditionen der unteren Bevölkerungsschichten liegen dagegen auch für diese Zeit (weitgehend) im Verborgenen.
Von der Antike bis zur Moderne lässt sich ein zunehmendes Interesse an der Fixierung, Kanonisierung und Systematisierung des Geschichtswissens beobachten. Von großer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die Durchsetzung des Buchdrucks. Textbasierte Geschichtserzählungen - zum Beispiel in Form des unterhaltsamen historischen Romans - gewannen stark an Bedeutung, was auch auf die zunehmende Alphabetisierung zurückzuführen ist. Spätestens seit dem 19. Jahrhundert sind Geschichtserzählungen Gegenstand wissenschaftlicher Forschung und Kritik. Seitdem fragen wir nach Objektivität und Authentizität, Zweck und Wert der Erzählungen. Postmodernismus und Poststrukturalismus haben die Suche nach "historischen Wahrheiten" und objektiven Formen der Geschichtsvermittlung zuletzt nachhaltig in Frage gestellt.
Die Entwicklung des modernen Kommunikations- und Nachrichtenwesens hat dazu geführt, dass wir heute auf eine Vielzahl von Geschichtserzählungen zugreifen können. Die verfügbaren Formen und Inhalte scheinen im digitalen Zeitalter stetig anzuwachsen. Zugleich erleben Formen des mündlichen Erzählens und die Weitergabe von Geschichtswissen durch Zeitzeugen eine wahre Renaissance. Beispiele hierfür sind das Großprojekt "Visual History Archive" des Shoa Foundation Institute oder das "Gedächtnis der Nation". Ansätze der Fixierung und Kanonisierung von Geschichtswissen werden indes massiv infrage gestellt: Wikis und Kommentarfunktionen ermöglichen multiple Autorschaft und (scheinbar) beliebiges Fort- um Umschreiben von Geschichtserzählungen. Dank Twitter, Facebook und Co versteht sich heute jeder Empfänger von Informationen zugleich auch als Sender.
Und wie wird morgen Geschichte erzählt?
Text: Sophia Ihle und Miriam Menzel, Kooperative Berlin
Foto: "Story time" (Flickr / Kingston Information and Library Service)






