Dossier: Rechtsextremismus
Drucken
Zurück zur Übersicht
Rezension: "Die Nationale Front - Neonazis in der DDR"
Autor
Datum
26.01.2012
Kommentare
Kategorien
Debatten
Staat & Gesellschaft
Kontakt
In dem Film "Die nationale Front - Neonazis in der DDR" von Tom Franke und Andreas K. Richter wird die Herausbildung neonazistischer Strukturen in der DDR anhand verschiedener gesellschaftlicher und politischer Einflüsse thematisiert. Ausgangspunkt ist dabei der Überfall von 30 Skinheads auf ein Konzert mit über 1000 Besuchern, das im Oktober 1987 in der Ostberliner Zionskirche stattfand. Damals eskalierte der Konflikt zwischen den jungen oppositionellen Punks und einer immer stärker von rechtem Gedankengut beeinflussten Jugendgruppierung bei einem Konzert der Westberliner Punkband "Element of Crime".
Ohne jegliches Eingreifen von Polizei und Stasi stürmten Skinheads mit Flaschen und Eisenstangen bewaffnet in die Zionskirche und riefen dabei antikommunistische Parolen. Aufgrund der großen zahlenmäßigen Unterlegenheit mussten sich die Skinheads zwar bald wieder zurückziehen, trotzdem rückte so die neonazistische Szene in der DDR erstmals in das öffentliche Bewusstsein. Von Seiten der SED-Regierung wurde nämlich bis dahin propagiert, dass es in der DDR keinen Neonazismus gibt, weil dieser ihren Anspruch auf einen antifaschistischen Staat in Frage gestellt hätte und somit auch ihre Macht. Der Stasi war die Existenz der rechtsradikalen Szene durchaus bekannt, jedoch wurde sie ausgeblendet und lediglich als westdeutsches Problem abgetan. So versuchte das SED-Regime wieder einmal die DDR als "das bessere Deutschland" darzustellen.
Auf dem Ereignis vom Oktober 1987 aufbauend stellt der Film "Die Nationale Front - Neonazis in der DDR" verschiedene Thesen zur Entstehung der rechten Szene in der ehemaligen DDR auf und untersuchen diese mit Hilfe von Zeitzeugen und originalen Filmdokumenten. So kommen sowohl Musiker und anwesende Gäste als auch damals beteiligte Skinheads zu Wort, darunter Ronny Busse (ehemaliger Neonazi, beteiligt am Zionskirchenüberfall), Salomea Genin (Mitglied der jüdischen Gemeinde), Rainer Eppelmann (evangelischer Pfarrer, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Aufarbeitung), Hans-Dieter Schütt (damals Chefredakteur "Junge Welt") und Henryk Gericke (Konzertbesucher).
Der Zuschauer erhält die Möglichkeit, einen Einblick in die komplexen Gründe für die Entstehung einer Subkultur zu gewinnen. Wollten die Skinheads gegen die strikte Staatsdoktrin Antifaschismus rebellieren? Oder wurde ein Rassismus durch die erzwungene Freundschaft mit der Sowjetunion geschürt? Lag es an den durch Arbeitsverträge ins Land geholten Ausländern, die von Seiten der DDR keine Integrationsangebote erhielten und vielfach ausgegrenzt wurden? Wurde durch die ähnlich wie im Nationalsozialismus strukturierten Jugendorganisationen (Pioniere, FDJ) ein Bezug der Jugendlichen zum NS hergestellt? Oder war es die große Faszination der Skinheads für das Militär, die letztendlich zu einer rechten Entwicklung führte? All diese Fragen werden im Film aufgeworfen – eine abschließende Antwort gibt es jedoch nicht.
Der Zuschauer kann sich so seine eigene Meinung bilden, welche der Thesen er selbst für die plausibelste hält oder ob es letztlich eine Mischung aus verschiedenen war. Dadurch regt der Film unserer Meinung nach zum eigenständigen Denken und Hinterfragen an, was wir als sehr positiv empfinden. Ein bisher wenig behandeltes Thema rückt so in das Bewusstsein und lässt uns über noch heute vorhandene gesellschaftliche Auswirkungen nachdenken und trägt somit weiter zur Aufarbeitung der deutsch-deutschen Geschichte bei. In diesem Zusammenhang wird oft die These genannt, dass die stärkere Verbreitung des Neonazismus im heutigen Ostdeutschland im Gegensatz zum restlichen Deutschland eine Folge der schon in der DDR bestehenden nationalsozialistischen Gruppierungen ist. Diese These sehen wir allerdings sehr kritisch, weil unserer Meinung nach andere Faktoren ausschlaggebender sind. Das immer noch währende Gefühl der Benachteiligung und die Nichtbeachtung ländlicher Gebiete sehen wir eher als Gründe für den Zuspruch zur NPD und den wachsenden Rechtsextremismus in Ostdeutschland.
Weiterhin gefällt uns an dem Film sehr gut, dass den Zeitzeugen auf diese Weise ein Podium geboten wird, um ihre persönlichen Erlebnisse mit einer breiten Masse an Menschen zu teilen und sie so auch für die Nachwelt zu sichern. So erhält der Film eine persönliche Note und macht die Geschichte lebendig, was durch die Nutzung originaler Filmausschnitte verstärkt wird.
Der einzige Mangel des Films ist in unseren Augen die unzureichende Beachtung und Aufarbeitung der erschreckenden Tatsache, dass die Polizei bei den Gewalttaten in der Zionskirche nicht eingegriffen hat.
Unser Fazit ist aus den genannten Gründen positiv und wir empfehlen den Film allen an Geschichte und Politik interessierten Menschen. Auch als Lehrmaterial in Schulen finden wir den Film sehr geeignet, weil dieses im Unterricht sonst kaum behandelte Thema von großer Gegenwartsbedeutung ist.
Text: Sophie Herwig (17) und Katharina Litty (17). Die Autorinnen sind Schülerinnen der Ernestinenschule zu Lübeck und absolvieren derzeit ein Praktikum bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.
Foto: "No Nazis" - "DDR", Dresden 1994 (Flickr/ sludgegulper)
Kurzinfo: Der Dokumentarfilm "Das braune Erbe" ist Teil der DVD "Antifaschismus in der DDR". Der Film ist eine Gemeinschaftsproduktion von armadafilm und dem Rundfunk Berlin-Brandenburg, gefördert durch die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur 2006 und 2007.
Ohne jegliches Eingreifen von Polizei und Stasi stürmten Skinheads mit Flaschen und Eisenstangen bewaffnet in die Zionskirche und riefen dabei antikommunistische Parolen. Aufgrund der großen zahlenmäßigen Unterlegenheit mussten sich die Skinheads zwar bald wieder zurückziehen, trotzdem rückte so die neonazistische Szene in der DDR erstmals in das öffentliche Bewusstsein. Von Seiten der SED-Regierung wurde nämlich bis dahin propagiert, dass es in der DDR keinen Neonazismus gibt, weil dieser ihren Anspruch auf einen antifaschistischen Staat in Frage gestellt hätte und somit auch ihre Macht. Der Stasi war die Existenz der rechtsradikalen Szene durchaus bekannt, jedoch wurde sie ausgeblendet und lediglich als westdeutsches Problem abgetan. So versuchte das SED-Regime wieder einmal die DDR als "das bessere Deutschland" darzustellen.
Auf dem Ereignis vom Oktober 1987 aufbauend stellt der Film "Die Nationale Front - Neonazis in der DDR" verschiedene Thesen zur Entstehung der rechten Szene in der ehemaligen DDR auf und untersuchen diese mit Hilfe von Zeitzeugen und originalen Filmdokumenten. So kommen sowohl Musiker und anwesende Gäste als auch damals beteiligte Skinheads zu Wort, darunter Ronny Busse (ehemaliger Neonazi, beteiligt am Zionskirchenüberfall), Salomea Genin (Mitglied der jüdischen Gemeinde), Rainer Eppelmann (evangelischer Pfarrer, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Aufarbeitung), Hans-Dieter Schütt (damals Chefredakteur "Junge Welt") und Henryk Gericke (Konzertbesucher).
Der Zuschauer erhält die Möglichkeit, einen Einblick in die komplexen Gründe für die Entstehung einer Subkultur zu gewinnen. Wollten die Skinheads gegen die strikte Staatsdoktrin Antifaschismus rebellieren? Oder wurde ein Rassismus durch die erzwungene Freundschaft mit der Sowjetunion geschürt? Lag es an den durch Arbeitsverträge ins Land geholten Ausländern, die von Seiten der DDR keine Integrationsangebote erhielten und vielfach ausgegrenzt wurden? Wurde durch die ähnlich wie im Nationalsozialismus strukturierten Jugendorganisationen (Pioniere, FDJ) ein Bezug der Jugendlichen zum NS hergestellt? Oder war es die große Faszination der Skinheads für das Militär, die letztendlich zu einer rechten Entwicklung führte? All diese Fragen werden im Film aufgeworfen – eine abschließende Antwort gibt es jedoch nicht.
Der Zuschauer kann sich so seine eigene Meinung bilden, welche der Thesen er selbst für die plausibelste hält oder ob es letztlich eine Mischung aus verschiedenen war. Dadurch regt der Film unserer Meinung nach zum eigenständigen Denken und Hinterfragen an, was wir als sehr positiv empfinden. Ein bisher wenig behandeltes Thema rückt so in das Bewusstsein und lässt uns über noch heute vorhandene gesellschaftliche Auswirkungen nachdenken und trägt somit weiter zur Aufarbeitung der deutsch-deutschen Geschichte bei. In diesem Zusammenhang wird oft die These genannt, dass die stärkere Verbreitung des Neonazismus im heutigen Ostdeutschland im Gegensatz zum restlichen Deutschland eine Folge der schon in der DDR bestehenden nationalsozialistischen Gruppierungen ist. Diese These sehen wir allerdings sehr kritisch, weil unserer Meinung nach andere Faktoren ausschlaggebender sind. Das immer noch währende Gefühl der Benachteiligung und die Nichtbeachtung ländlicher Gebiete sehen wir eher als Gründe für den Zuspruch zur NPD und den wachsenden Rechtsextremismus in Ostdeutschland.
Weiterhin gefällt uns an dem Film sehr gut, dass den Zeitzeugen auf diese Weise ein Podium geboten wird, um ihre persönlichen Erlebnisse mit einer breiten Masse an Menschen zu teilen und sie so auch für die Nachwelt zu sichern. So erhält der Film eine persönliche Note und macht die Geschichte lebendig, was durch die Nutzung originaler Filmausschnitte verstärkt wird.
Der einzige Mangel des Films ist in unseren Augen die unzureichende Beachtung und Aufarbeitung der erschreckenden Tatsache, dass die Polizei bei den Gewalttaten in der Zionskirche nicht eingegriffen hat.
Unser Fazit ist aus den genannten Gründen positiv und wir empfehlen den Film allen an Geschichte und Politik interessierten Menschen. Auch als Lehrmaterial in Schulen finden wir den Film sehr geeignet, weil dieses im Unterricht sonst kaum behandelte Thema von großer Gegenwartsbedeutung ist.
Text: Sophie Herwig (17) und Katharina Litty (17). Die Autorinnen sind Schülerinnen der Ernestinenschule zu Lübeck und absolvieren derzeit ein Praktikum bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.
Foto: "No Nazis" - "DDR", Dresden 1994 (Flickr/ sludgegulper)
Kurzinfo: Der Dokumentarfilm "Das braune Erbe" ist Teil der DVD "Antifaschismus in der DDR". Der Film ist eine Gemeinschaftsproduktion von armadafilm und dem Rundfunk Berlin-Brandenburg, gefördert durch die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur 2006 und 2007.






