Deutsch-Deutsche Geschichte in Bildung und Schule
Bild zu Bericht: Fremd-Sein, Fremdenhass und falsche Scheu
Dossier: Rechtsextremismus

Bericht: Fremd-Sein, Fremdenhass und falsche Scheu

Autor

Redaktion

Datum

01.02.2012

Kategorien

Debatten
Aktuelles

Drucken

Diese Seite drucken

"Das braune Erbe der Diktatur? Rechtsextremismus in der DDR und im vereinigten Deutschland" lautete der Titel der gut besuchten Veranstaltung, zu der die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und das Onlineportal DeineGeschichte am 30. Januar 2012 einluden. Aufgegriffen wurde ein spannendes, medial zuletzt stark präsentes Thema, zu dem sich viele Fragen aufdrängen: Gibt es signifikante Unterschiede zwischen ost- und westdeutschem Rechtsextremismus? Neigen Ostdeutsche eher zu Fremdenhass? Sind die Ursachen für ostdeutschen Rechtsextremismus in autoritären Verhaltensstrukturen der DDR zu finden? Welche Ansätze zur Prävention rechtsextremistischer Gewalt gibt es? Wo kommen diese an ihre Grenzen?
 
Zu Beginn der Veranstaltung wurden Szenen aus der sehenswerten Dokumentation "Die Nationale Front - Neonazis in der DDR" gezeigt. Leider geriet die Filmvorführung etwas zu kurz. Von angemessener Länge war dagegen der anschauliche Einführungsvortrag der Sozialpsychologin Beate Küpper, der Einblick in die Studie "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Deutschland" gab. Das auf empirische Daten aufgebaute Referat war so verständlich gehalten, dass auch der zahlenscheue, sozialwissenschaftlich nicht vorgebildete Zuhörer daraus Gewinn ziehen konnte. Küpper stellte zentrale Erkenntnisse der von ihr betreuten Studie vor und lieferte erste Antworten auf die Fragen, ob es einen spezifischen ostdeutschen Rechtsextremismus gibt und woraus sich dieser speist.
Ostdeutsche nähmen, gemäß der über 10 Jahre hinweg geführten repräsentativen Umfragen, eine distanziertere Haltung gegenüber kultureller Vielfalt ein (anti-diversity-Haltung) und zeigten eine stärkere Bereitschaft zur Selbstunterwerfung (Autoritarismus). Auch das stark vorhandene "Gefühl der Benachteiligung gegenüber dem Westen" befördere rechtsextremistische - vor allem fremdenfeindliche -  Einstellungen.
 
In der folgenden Podiumsdiskussion sollten Küppers Erkenntnisse wieder aufgegriffen und die Zahlen mit praktischen Erfahrungen abgeglichen werden.
Auf dem Podium nahmen – neben Beate Küpper und Moderator Jens Hüttmann von der Bundesstiftung Aufarbeitung – drei mit dem Thema des Abends äußerst vertraute Redner Platz: der Zeithistoriker Patrice G. Poutrus, der u.a. zum "Fremd-Sein in der DDR" geforscht hat, Anetta Kahane von der Amadeu Antonio Stiftung und Bernd Wagner vom Zentrum Demokratische Kultur. Sowohl Kahane als auch Wagner wurden bereits zu DDR-Zeiten mit rechter Gewalt und einem weit verbreiteten "völkischen Bewusstsein" (Wagner) konfrontiert. Heute arbeiten beide  an Präventions- und Interventionsangeboten gegen rechtsextremistische Einstellungen und rechte Gewalt. Im Verlauf des Abends zeigte sich, dass die vier Podiumsteilnehmer zwar aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf das Thema der Veranstaltung blickten, dem diskussionserfahrenen Zuschauer aber manchmal die kontroversen Ansichten fehlten. Auch wünschten sich manche kritischen Zuschauer mehr Bezug auf die von Küpper vorgestellten Ergebnisse und Thesen. So blieb leider manche Antwort auf die im Einladungsflyer aufgeworfenen relvanten und spannenden Fragen offen.
 
Patrice Poutrus erhob zu Recht den Vorwurf, dass das Thema "Rechtsextremismus" nach der Wiedervereinigung vor allem von ostdeutschen Politikern unter den Tisch gekehrt worden ist. Rechte Gewalt und fremdenfeindliche Einstellungen hätte man - geradezu in Fortführung der DDR-Staatsdoktrin vom antifaschistischen Osten – als westdeutsches bzw. vom Westen importiertes Phänomen abgetan. Anetta Kahane vertrat dagegen die Ansicht, dass vor allem westdeutsche Politiker zu falscher Rücksichtnahme und zu wenig Einmischung neigten, wenn es um Rechtsextremismus in Ostdeutschland ginge. Es stellt sich aber die Frage, ob tatsächlich nur Politiker unter den beschriebenen "Wahrnehmungsstörungen" und falscher Scheu leiden. Hätten die Redner das Versagen nicht eher als gesamtgesellschaftliches Problem kenntlich machen müssen? Was sind konkrete Ansatzpunkte, um der rechten Gewalt, Rechtspopulismus und den weit verbreiteten menschenverachtenden Einstellungen in Deutschland entgegenzuwirken? Benötigen wir im Osten andere Interventions- und Präventionsangebote als im Westen?
 
Mit diesen und vielen weiteren Fragen zurückbleibend, wünscht man sich eine Fortsetzung der Veranstaltung.


Übrigens:
Das Team von DeineGeschichte hat auf der Veranstaltung mit Anetta Kahane, Beate Küpper, Patrice Poutrus und einigen Zuhörern Videointerviews geführt. Hier geht es zum ausführlichen Interview mit der Sozialpsychologin Beate Küpper. Einen Zusammenschnitt mit Statements von Anetta Kahane, Patrice Poutrus, Roland Jahn und Rainer Eppelmann findet ihr hier.
 
Bilder von der Veranstaltung und einen Audio-Mitschnitt zum Nachhören findet ihr auf den Seiten der Bundesstiftung Aufarbeitung.
 
Ein Interview mit dem Podiumsteilnehmer Bernd Wagner, das im Anschluss an die Veranstaltung aufgezeichnet wurde, findet ihr noch bis Anfang Februar 2013 in der ZDF-Mediathek.
 
Text: Miriam Menzel, Oliver Baumann



Foto: Ausschnitt aus dem Veranstaltungsflyer 
 
Zurück zur Übersicht
Aktuelles Fotostrecke: Deine Anne. Ein Mädchen schreibt Geschichte

Fotostrecke: Deine Anne. Ein Mädchen schreibt Geschichte

Foto | Wanderausstellung des Anne-Frank-Zentrums

Aktuelles Fotostrecke: Internationale Konferenz

Fotostrecke: Internationale Konferenz "Engaging Youth..."

Foto | Anne Frank - Lernen aus Geschichte

Aktuelles Der 8. Mai 1945 - ein

Der 8. Mai 1945 - ein "Tag der Befreiung"?

Text | Zum umstrittenen Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs