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Dossier: Rechtsextremismus

Einführungstext: (Neo-) Nazis in der DDR

Autor

Redaktion

Datum

21.02.2012

Kategorien

Staat & Gesellschaft

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Die DDR - "antifaschistischer Staat" und "Hort der Solidarität"?
 
Am 10. März 1948 wurde die sowjetische Besatzungszone (SBZ) - also das spätere Staatsgebiet der DDR - per Befehl für entnazifiziert erklärt. Kurz nach der Gründung der DDR, im Juli 1950, verkündete die SED auf ihrem III. Parteitag, dass "die Wurzeln des Faschismus und des Militarismus" im Osten Deutschlands ausgerottet seien. Die zuvor erfolgten Entnazifizierungsmaßnahmen bestanden maßgeblich in der Bodenreform, die u.a. die Enteignung von Kriegsverbrechern bedeutete, und in der Entlassung von insgesamt über einer halben Million Personen aus Dienststellen und staatlichen Einrichtungen. Es wurden Speziallager eingerichtet, in denen vor allem Kriegsgefangene, später auch verurteilte Naziverbrecher interniert waren. Zwischen 1945 und 1955 wurden von sowjetischen und DDR-Gerichten fast 13.000 NS- und Kriegsverbrecher verurteilt, darunter 106 zum Tode. Der Historiker Henning Pietzsch betont in einem Aufsatz: "Eine vollumfängliche Entnazifizierung gab es in der SBZ und DDR nicht, wenn auch statistisch eine konsequentere Verfolgung als in der Bundesrepublik belegt werden kann." Die DDR jedoch verstand sich ab 1950 als "antifaschistischer Staat" und "Hort der Solidarität".
 
 
Jugendliche im Fokus des MfS - Rowdys, Punker, "rechte" Skinheads
 
Rechtsextremismus oder Neofaschismus galten in der - nach eigenem Verständnis "antifaschistischen" - DDR lange Zeit nicht als real existierendes Problem. Dafür gerieten schon früh jene Jugendlichen in den Fokus des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), die sich den verordneten Ritualen und Strukturen entzogen. Man bezeichnete sie als "rowdyhaft" und "negativ-dekadent".
 
Obwohl dem MfS schon in den 1960er Jahren auch "rechte" Skinheads bekannt waren, wurde deren Existenz weitgehend ignoriert und verschwiegen. Dagegen wurden die Mitglieder der Punkband "Namenlos"  in den 1980er Jahren zu Gefängnisstrafen verurteilt, weil sie in Liedtexten u.a. auf Neonazis in Ostdeutschland aufmerksam gemacht hatten. Während die Punks der 1970er und 80er Jahre als arbeitsunwillig, undiszipliniert und schmutzig galten, erfüllten Neonazis weitgehend die staatlich gewünschten Wertvorstellungen. Sie zeichneten sich durch Disziplin und Gemeinschaftssinn, Sauberkeit und Pflichtbewusstsein aus.
 
 
Belege für Neofaschismus und Rechtsradikalismus in der DDR
 
Eine Reihe von eindeutig rechtsmotivierten Vorfällen und Einstellungen, rechtsgesinnten Gruppierungen und Einzelpersonen wurden in der DDR über Jahrzehnte hinweg registriert und dokumentiert. Dem MfS war früh bekannt, dass innerhalb der Nationalen Volksarmee (NVA), dem MfS selbst, in Fußballstadien und Schulen Gruppen mit offensiv faschistischen Einstellungen und Strukturen bestanden. Auch einzelne Neonazis, die SS-Uniformen trugen, sich mit SS-Dienstgraden anredeten, den Hitler-Gruß verwendeten, jüdische Friedhöfe schändeten und Denkmäler mit Hakenkreuzen beschmierten oder Lesekreise, die Hitlers "Mein Kampf" lasen, waren den Behörden bekannt. In den späten 1970er Jahren verzeichnete das MfS fast 200 Fälle von "schriftlicher staatsfeindlicher Hetze mit faschistischem Charakter", bis 1980 wurden rund 2300 Vorfälle mit "faschistischem und antisozialistischem" Hintergrund registriert. Die letzte dokumentierte Zählung von "rechten" Skinheads in der DDR durch das MfS erfolgte im Oktober 1988 und listet 1067 Personen auf. 
 
Erst der Überfall von 30 Neonazis auf die Besucher eines Konzertes in der Ostberliner Zionskirche im Jahr 1987 machte das Problem des Neofaschismus und Rechtsextremismus öffentlich. SED und MfS versuchten jedoch weiterhin, die Existenz von Neonazis in der DDR zu leugnen oder vertuschen. Der Überfall wurde als Folge faschistischer westdeutscher Einflüsse interpretiert. Soziologische Studien zum Phänomen "Neofaschismus in der DDR" wurden unter Verschluss gehalten und erst Jahre nach der Wende erstmals veröffentlicht.
 
 
Hinweis: Der vorliegende Text ist eine Kurzversion des ausführlichen Beitrags "Vertiefung: (Neo-) Nazis in der DDR", der eine ausführliche Literaturliste nebst Links enthält.
 
 
Zum Weiterlesen: 
 
(1) Umfassendes Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung zum Thema "Rechtsextremismus". 
 
(2) Artikel des Onlineportals "Jugendopposition.de", der einen Absatz zum Thema "Auch die DDR hat ein Neonazi-Problem" enthält.
 
(3) Informationen (Kurzbeschreibung, Termine, Filmreportage etc.) zu einer Wanderausstellung der Amadeu Antonio Stiftung. Thema: "Das hat es bei uns nicht gegeben!" - Antisemitismus in der DDR.
 
(4) Informativer Aufsatz des Historikers Henning Pietzsch zum Thema "Das braune Erbe. Der Antifaschismus der DDR".
 
(5) Umfangreiches Unterrichtsmodul des Onlineportals "Lernen aus der Geschichte" zum Thema "Jüdisches Leben in der DDR", das auch den Antisemistismus in der DDR problematisiert .

 

 

 
Text: Sophia Ihle, Kooperative Berlin
 
Foto: Neonazis in der DDR. Das Foto wurde vermutlich 1986 in Ostberlin aufgenommen. Die abgebildeten Personen waren dem MfS spätestens Anfang Januar 1988 bekannt (BStU MfS BV Bln AOPK 5411/91 Bd. 2, S. 70).
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