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Dossier: Frauen in Haft

Einführungstext: Frauen in Haft (Sachsen)

Autor

Redaktion

Datum

30.05.2012

Kategorien

Staat & Gesellschaft

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Mit dem Sieg der Alliierten über Deutschland im Zweiten Weltkrieg war das Grauen, das Unrecht und die Verfolgung von Menschen noch lange nicht beendet. In allen Teilen des Landes suchten die Siegermächte nach Tätern des Naziregimes und Gegnern der neuen Machthaber. Dabei gingen die Allierten aber äußerst unterschiedlich vor. In der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ), die im Osten Deutschlands lag, wurden viele Menschen schon beim geringsten Verdacht der NS-Täterschaft oder beim kleinsten Widerstand gegen die Besatzer inhaftiert. Es herrschte ein Klima der Repression, Denunziation und Willkür, dem auch tausende Frauen zum Opfer fielen. Willkürliche Inhaftierung, Demütigung und Misshandlungen von politischen Gefangenen gab es auch in der DDR. Dieser Text stellt einige Haftorte, Haftgründe und Haftbedingungen vor.

Es gibt nur wenig Material über die Schicksale der politischen Häftlinge in der SBZ und der DDR und das vorhandene Material beschäftigt sich fast ausschließlich mit den Geschichten der männlichen Gefangenen. Hier sollen dagegen die Schicksale der politisch verfolgten Frauen im Vordergrund stehen. Wurden Frauen aus anderen Gründen inhaftiert und verurteilt als Männer? Kamen sie in andere Gefängnisse? Wurden sie während der Gefangenschaft anders behandelt? Und gingen sie mit ihren Erfahrungen anders um als die männlichen Gefangenen?


 
Das sowjetische Straflager Workuta:
 
Straflager und Haftorte waren wichtige Herrschaftsinstrumente in den kommunistischen Diktaturen der Sowjetunion und der DDR. Sie dienten der Unterdrückung, Einschüchterung und "Brechung" von Systemgegnern und Andersdenkenden. Berüchtigt sind vor allem die sowjetischen Straflager des GULAG-Systems, wie beispielsweise Workuta nahe des Polarkreises in Nordrussland.
Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre kamen auch viele ostdeutsche Frauen nach Workuta. Die Gründe für ihre Inhaftierung sind aus heutiger Sicht oft schwer zu verstehen. Einigen wurde Spionage für den Westen vorgeworfen. So manche Frau wurde verhaftet, weil ihr Vater oder Ehemann als NS-Täter galt. Einige kamen ins Gefängnis, weil sie zu engen Kontakt nach Westdeutschland hegten. Manche Frauen wissen bis heute nicht, warum sie inhaftiert wurden.
Der Haftalltag für die Frauen in Workuta zeichnete sich durch tägliche, körperliche Schwerstarbeit aus, die sich von der der Männer nicht unterschied. Dazu kamen die unerbittlichen Witterungsbedingungen, in denen die Arbeit ausgeführt werden musste, und die Mangelernährung. Neben den physischen Torturen mussten die Häftlinge aber auch psychisch viel durchmachen. Viele Zeitzeugen berichten, dass sie nicht geglaubt haben, ihre Familien je wiederzusehen und dass es ihnen sehr schwer fiel, keinen Kontakt zu ihren Verwandten haben zu dürfen. Workuta wurde von den Häftlingen oft als Endstation angesehen: zum einen wegen der weiten beschwerlichen Reise, die hinter den Frauen lag, wenn sie in Workuta ankamen, zum anderen auch bezogen auf die unmenschlichen Bedingungen im Lager, die viele Insassen ihr Leben kostete.
 
 
Hoheneck - das einzige reine Frauengefängnis der DDR:
 
In der DDR haben besonders das größte und einzige reine Frauengefängnis Hoheneck und der einzige geschlossene Jugendwerkhof Torgau große Angst verbreitet.
Hoheneck, welches in Stollberg im Erzgebirge liegt, besaß neben einer Dunkel- und einer Nasszelle auch eine Folterkammer im Turm "zum hohen Eck", welcher dem Gefängnis seinen Namen gab. Zellen und Kammer wurden zur "Erziehung" der Gefangenen und zur allgemeinen Demütigung der Frauen eingesetzt. Der Gefängnisalltag war ebenfalls menschenverachtend: Die Frauen wurden zur Schichtarbeit gezwungen, in Massenzellen mit bis zu 48 Personen gesteckt und es gab keine Privatsphäre. Zudem wurden aus politischen Gründen inhaftierte Frauen, die oft wegen Absurditäten und Nichtigkeiten im Gefängnis saßen, systematisch mit Schwerkriminellen und Mörderinnen zusammen in einer Zelle untergebracht. Am härtesten traf es jedoch inhaftierte Mütter: Sie wurden prinzipiell von ihren Kindern getrennt, welche in ein Kinderheim gebracht wurden. Manche haben ihre Kinder nie wieder gesehen.
 
 
Der geschlossene Jugendwerkhof Torgau:
 
Für die Kinder und Jugendlichen der DDR, die sich nicht "regelkonform" verhielten, richtete das Ministerium für Volksbildung ein System aus sogenannten Umerziehungsanstalten ein. Diese sollten die angestrebte Entwicklung sozialistischer Persönlichkeiten sicher stellen. Das heißt, die Jugendlichen sollten an das Leben als Arbeiter herangeführt und zu Disziplin, Fleiß und Kameradschaft erzogen werden.
Als Endstation des "Erziehungshilfe"-Netzwerks der DDR galt der geschlossene Jugendwerkhof Torgau. In diesen wurden so genannte "schwer erziehbare" Jugendliche eingewiesen, nachdem sie in den anderen Umerziehungsanstalten aufgefallen waren. Darunter waren zum Beispiel Jugendliche, die unter ADHS litten, sexuellen Missbrauch erlebt hatten und auffälliges Verhalten aufwiesen oder einfach in der Pubertät steckten und beim Rauchen erwischt wurden.
Das Ziel, das in Torgau hauptsächlich verfolgt wurde, war die Willensbrechung und Zerstörung des Selbstbewusstseins der Jugendlichen. Die Ideologie der DDR sollte notfalls gewaltsam von den Jugendlichen verinnerlicht werden. Dafür wurden harte Maßnahmen aufgezogen: Isolationshaft zu Anfang eines jeden Aufenthalts, sinnlose und stumpfe Zwangsarbeit, Unterricht in Politik, Sport bis zum völligen Zusammenbruch und physische Härte, welche sich beispielsweise durch Schläge mit dem Schlüsselbund äußerte. Dabei wurde immer ein militärischer Ton geführt. Um diesem Horror zu entkommen, griffen viele der Torgauer Häftlinge auf Selbstmord zurück: Einige erhängten sich mit Pullovern, andere schluckten Nägel und auch die Selbstverbrennung wurde als Ausweg aus dieser Hölle gesehen.
 
 
Aufarbeitung, Rehabilitierung und Entschädigung:

Was die Insassen der verschiedenen Einrichtungen erlebt haben, ist unvorstellbar. Ein Gefangenschicksal erfolgreich zu verarbeiten, fällt umso schwerer, wenn man eigentlich grundlos und mit Hilfe von unrechtmäßigen Gerichtsverfahren eine Haftstrafe unter menschenverachtenden Umständen ableisten muss. Mit dem Erlebten gingen und gehen die Frauen sehr unterschiedlich um. Einige ehemalige Inhaftierte wollen einfach nur vergessen. Andere versuchen, das Erlebte zu verstehen und aufzuarbeiten. Wieder Andere treten mit ihrem Schicksal auch an die Öffentlichkeit und erzählen, was ihnen widerfahren ist. Die meisten wollen einfach, dass dieser schlimme, traumatische Teil unserer Geschichte nicht vergessen wird. Sie wollen daran erinnern und mahnen. Aus diesem Grund ist es wichtig, ihnen einen Weg zu ermöglichen, sich auszusprechen und den einzelnen Zeitzeugen zuzuhören. Denn auch wenn viele in den gleichen Lagern oder Einrichtungen waren, so ist doch jedes Schicksal einzigartig. Auch für uns, die die Geschichte für sich interpretieren.
 
Die Frage der Rehabilitierung und Entschädigung politischer Gefangener wurde unlängst stark diskutiert. Auslöser waren Anschuldigungen an die Möbelhauskette IKEA. IKEA soll durch Auftragsarbeiten von der Zwangsarbeit politischer Häftlinge proftiert haben. Bald wird die Frage nach angemessener Entschädigung dieser Opfergruppe der SED-Diktatur jedoch wieder aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden sein.
Viel zu lange wurden die politisch Verfolgten der DDR nur am Rande wahrgenommen, mit leeren Versprechungen und geringsten Entschädigungszahlungen abgespeist. So sprach das 1. SED-Unrechtsbereinigungsgesetz von 1992 in Westdeutschland lebenden ehemaligen DDR Häftlingen gerade einmal 300 DM (Einmalzahlung pro Haftmonat) zu. Zu Unrecht in der Bundesrepublik Inhaftierte erhielten dagegen doppelt soviel (600 DM). Neuerungen ließen viel zu lange auf sich warten. Die aktuell gültigen Regelungen, festgehalten im strafrechtlichen Rehabilitierungsgesetz, sehen eine Opferrente von maximal 250 Euro pro Monat vor. Die Zahlung dieser Rente ist an vielfältige Bedingungen - zum Beispiel den Nachweis sozialer Bedürftigkeit - geknüpft. Letztlich kann keine Geldsumme das psychische und physische Leid der Häftlinge widerspiegeln oder wiedergutmachen. Dennoch wäre ein leicht verständliches, einheitliches Hilfsmodell wünschenswert. 
 
 
Zum Weiterlesen:
Workuta:
(1) Zeitzeuginnenbericht der Gulag-Gefangenen Ruth Binnewies
(2) Audiointerview mit dem Historiker Meinhard Stark zum Thema "Frauen im Gulag"
 
Hoheneck:
(1) Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR: "Zur jeder Zeit ein Skandal"
(2) Gespräch mit der Drehbuchautorin Kristin Derfler
 
Torgau:
(1) Zeitzeugeninterview mit Kerstin Kuzia, Gedächtnis der Nation
(2) Buchvorstellung: Alexander Latotzk, Kindheit hinter Stacheldraht.
 
 
Text: Sandra Schlechter, Kooperative Berlin.
Foto: "MfS Prison Department Headquarters" (Flickr / ivo).

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