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Dossier: Judenverfolgung im NS

"Auf Befehl erschossen" - Schicksal einer jüdischen Familie

Autor

MariaBenning

Datum

05.06.2012

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Drei glänzend-polierte Messingsteine zieren den Bürgersteig vor der
 Fehrbelliner Straße 81 in Berlin. Auf jedem dieser so genannten "Stolpersteine" ist ein Name eingraviert: Ruth,
 Thea und Abraham Fuss. Drei Menschen, die hier gewohnt haben, bevor sie 
während der Nazi-Zeit brutal verschleppt und ermordet wurden. Nur Hildegard Fuss, Abrahams Frau und Mutter der beiden 
Kinder, konnte nach Schweden fliehen und überlebte.

 
Serafina Bischoff, Pia Nicolai, Stefan Schäfer und Frederick Qasem 
besuchen die 9. Klasse des Berliner John-Lennon-Gymnasiums. Zusammen mit dem
 Nachbarschaftshaus am Teutoburger Platz haben sie
 die Geschichte der Familie Fuss genauer erforscht.

 Gemeinsam mit Verwandten der Familie Fuss aus Schweden und Freunden aus 
Israel fand Ende April 2012 die Verlegung der Stoplersteine für ihre Angehörigen statt.


 
 
Abraham Fuss - in Sachsenhausen erschossen
 
"Auf Befehl erschossen" steht in der Akte von Abraham Fuss, welche die
 Schüler im Archiv fanden. Sterbezeit: 19 Uhr. Vor sechzig Jahren, am
 28. Mai 1942, wurde Abraham Fuss in Sachsenhausen ermordet. Das
 Haus in der Fehrbelliner Str. 81 war sein letzter frei gewählter Wohnsitz. Hier 
lebte der 1891 in Polen geborene Mann gemeinsam mit seiner Frau 
und den beiden Kindern. Hier befand 
sich auch die Schneiderei Fuss, in der Abraham vier Angestellte und mehrere 
Gehilfen beschäftigte.


 
Thea und Ruth Fuss, geboren 1930 und 1931, besuchten die Kinderstube der Jüdischen Gemeinde in der 
Fehrbelliner Str. 92, ein paar Häuser weiter. Aus diesem Hort wurde nach und nach ein Waisenhaus. Immer 
mehr Eltern konnten ihre Kinder nicht mehr abholen nach der Hortzeit, weil
 sie deportiert wurden oder weil sie arbeiteten und die Kinder zu Hause nicht 
versorgen konnten.


 
 
Hildegard Fuss - mit falschen Papieren nach Schweden
 
Auch Hildegard Fuss musste ihre beiden
 Töchter dem Waisenhaus überlassen, nachdem ihr Mann 1939 inhaftiert und 
verschleppt worden war.

 Zu der Zeit erwartete sie ihr drittes Kind. Sie wollte es nicht in
 Deutschland zur Welt bringen und versuchte mit falschen Papieren über die
 schwedische Grenze zu fliehen. Der Schwindel wurde aufgedeckt und Frau Fuss
 sollte nach Deutschland zurückgeschickt werden. Dieser Beschluss konnte allerdings nicht
 ausgeführt werden aufgrund des Krieges.

 Hildegard Fuss blieb ohne Aufenthaltsgenehmigung in Schweden. Mehr als zwei Jahre versuchte sie vergeblich, Thea und Ruth
 nach Schweden zu holen. Unüberwindlich waren die rund 900 Kilometer
 Distanz zwischen Berlin und Stockholm. Absurd, dass die Kinder dann für ihre
 Hinrichtung in Riga eine noch größere Distanz überwanden.


 
 
Das Waisenheim in der Fehrbelliner Straße - letzter Wohnort von Thea & Ruth Fuss
 
Heute dient das einstige Waisenheim für jüdische Kinder als Nachbarschaftshaus am
 Teutoburger Platz. Eine Ausstellung im oberen
 Stockwerk des Hauses erinnert an die Atmosphäre, die hier in den späten 30er
 und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts herrschte. 

Hell und freundlich wirkte das Haus schon damals. Auf den Fotos sind Kinder
 zu sehen, die Theater spielen, lachen und musizieren. Ein berühmter 

Theaterfotograf - Abraham Pisarek - hat die Bilder gemacht. Weil
 er aufgrund seiner Herkunft nicht mehr in den namhaften Theatern der Stadt

arbeiten durfte, hatte er Zeit für Kinderfotos.
 


Das Heim in der Fehrbelliner Straße war nach reformpädagogischen
 Grundsätzen organisiert. Licht und Luft sollte es geben. So verfügte das Haus
 schon damals über eine großzügige Dachterrasse. "Hoch oben auf dem Dach
 konnten die Kinder jüdischer Herkunft spielen, ohne sich dabei von deutschen
 Kindern hänseln lassen zu müssen", erklärt Inge Franken, die ein Buch über das ehemalige jüdische Kinderheim 
geschrieben hat. 

Zweieinhalb Jahre lebten Thea und Ruth hier, bis sie deportiert und schließlich - ebenso
wie ihr Vater - ermordet wurden.
 
 
Auf Spurensuche - der schwedische Teil der Familie Fuss
 
Das dritte Kind der Familie Fuss, Eva, wurde
 in Schweden geboren. Sie lebt heute in Växjö, einer Stadt in Südschweden. 
Hildegard Fuss, ihre Mutter, übergab ihr Baby gleich nach der Geburt einer
 schwedischen Pflegefamilie. Sie hat in Schweden nie einen Job gefunden und auch nicht wieder
 geheiratet. Ihre Enkelin Helena Johannsen erzählt, dass Hildegard eine
 schwache Gesundheit hatte und unter Rheuma litt. "Ich denke, obwohl man es damals nicht so nannte, dass sie eine Depression hatte", so Helena Johansson.
 
Bislang wusste niemand im schwedischen Teil der Familie, woher genau die 
Familie stammte. Erst als Helena und Hakan Johannsen, die Enkel von Eva, sich
 auf die Suche nach ihren Wurzeln machten, ergab sich ein genaueres
 Bild.

 Die Johannsens fragten beim schwedischen Staatsarchiv in Stockholm nach
 und fanden dort eine Eidesstattliche Erklärung ihrer Großmutter. In diesem 
Schreiben legte sie ihre Herkunft dar, erklärte, dass sie aus Berlin stammte, und 
dass sie dort noch zwei weitere Kinder habe zurücklassen müssen. Mit diesen 
Informationen stieß Johanssen auf die englischsprachige Webseite von Inge
 Franken, die zur Geschichte des Jüdischen Kinderheims in der Fehrbelliner Str. geforscht hat.
 
Franken arbeitete gemeinsam mit Geschichtsschülern des Berliner John-Lennon-Gymnasiums die Geschichte der Familie Fuss auf. Die heutigen Bewohner des Hauses Fehrbelliner Straße 81 spendeten bereitwillig für das Stolpersteinprojekt. Einmal im Jahr, so 
erklären die Bewohner, werden sie Putzlappen und Politur zur Hand nehmen und die drei
 Messingsteine vor ihrem Haus auf Hochglanz bringen - jährlich zum 8. Mai. Dieser Tag erinnert an das Ende der Nazi-Diktatur und an das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. 
 
Text: Maria Benning, Journalistin.
 
Foto: Die drei "Stolpersteine" für Abraham, Thea und Ruth Fuss (Fotograf: Gerald Zörner).
 
 
Kurzinfo zum Stolpersteinprojekt:
 
Das Stolpersteinprojekt wurde in den 1990er Jahren von dem Bildhauer Gunter Demnig ins Leben gerufen. "Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist", so Demnigs Auffassung. Mittlerweile erinnern die von ihm entworfenen "Stolpersteine" an über 500 Orten in ganz Deutschland und in einigen europäischen Ländern an Opfer des Nationalsozialismus. Die auffällig messingfarbenen "Stolpersteine" werden vor dem letzten selbstgewählten Wohnort eines Opfers in den Bürgersteig eingelassen.
Wichtiger Bestandteil des Projektes sind Recherchen zu den Schicksalen der NS-Opfer. Auf dem Internet-Auftritt des Stolpersteinprojekts heißt es dazu: "Besonders wünschenswert ist das Engagement von Schulen beziehungsweise das Einbeziehen von SchülerInnen. ‒ Das Interesse ist erfahrungsgemäß groß!"
An solchen Recherchen haben sich bereits einige Schulen beteiligt. Neben dem Engagement des John-Lennon-Gymnasiums hat uns vor allem das Projekt "Stoplersteine in Potsdam" beeindruckt. Hier arbeiten Museen und Archive seit 2008 Hand in Hand mit Potsdamer Schulen. Die Ergebnisse des Projekts - Informationen zu 22 Schicksalen von Opfern des Nationalsozialismus - wurden in Form von Flyern publiziert und sind auch online abrufbar!

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