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"Briefwechsel" - Post von West nach Ost
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Datum
27.07.2012
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Staat & Gesellschaft
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Luise Beyerlein, Jahrgang 1925, arbeitete als Lehrerin in Westdeutschland. Bereits 1949 nahm sie per Brief Kontakt zu einer Schulklasse in Ostdeutschland auf. In den Folgejahren stand sie - wie viele andere Westdeutsche aus - in regem Austausch mit mehreren ostdeutschen Familien. Die Briefe und Pakete waren vielen Menschen eine große Hilfe. Der DDR-Regierung waren sie dagegen ein Dorn im Auge...
Die folgenden Erinnerungen stammen aus Luise Beyerleins Publikation "Grenzerfahrungen". Reisen in den Ostblock zur Zeit des "kalten Krieges". Wider das Vergessen!. Das 46-seitige Buch erschien 2009 bei VDS - Verlagsdruckerei Schmidt. Wir danken der Autorin herzlich für die Genehmigung zur Veröffentlichung des Auszugs "Briefwechsel"!
"Als Lehrerin einer Unterstufenklasse wollte ich im Jahr 1949 meinen Schulkindern vermitteln, dass es einen Teil Deutschlands gab, in dem das Leben härter und noch viel bescheidener war als bei uns. Ich dachte mir, dass ich die Kinder so auch zum Briefschreiben ermuntern könnte. Die Kirchengemeinde von Neustadt hatte bereits eine Partnerschaft mit Rostock. Also gedachte ich, mich da anzuhängen. Ich schrieb einfach an 'eine 2. Klasse' in einer Rostocker Volksschule. Tatsächlich bekam ich Antwort, und wir entwarfen im Unterricht erste Briefe. Zu Weihnachten sammelten wir Zutaten für Kuchen und Plätzchen und bekamen begeisterte Dankesbriefe für die Pakete. Dann kam plötzlich ein Telegramm von der dortigen Lehrerin: 'Bitte keine weiteren Pakete schicken. Brief folgt.'
Dieser Brief folgte prompt in einem merkwürdig distanzierten Stil, ungefähr folgenden Inhalts:
'Uns geht es sehr gut, wir brauchen Ihre Pakete nicht. Sie haben im Westen selbst genug Arme, geben Sie das an diese weiter.' Ich war ratlos.
Die Kinder hatten sich inzwischen Schokolade von der Schulspeisung buchstäblich vom Mund abgespart. Wir beschlossen die Süßigkeiten als letztes Paket an den Kindergottesdienst der Partnergemeinde zu schicken und damit das Unternehmen zu beenden.
Eines Tages erreichte mich ein Brief aus Schleswig-Holstein von einer mir völlig unbekannten Absenderin. Es war eine Freundin der Lehrerin jener 2. Klasse. Sie schrieb mir, wie betrübt ihre Freundin sei, dass sie mir diesen harten Brief habe schreiben müssen - der Schulrat habe es so befohlen.
Gleichzeitig aber schilderte sie mir das Leben der Schwester dieser Lehrerin, gab mir deren Adresse und meinte, wenn ich Gutes tun wolle, dann solle ich mich um das Kind der Familie kümmern. Ein anderes Kind war auf der Flucht von Ostpreußen gestorben. Der Vater musste im Wald arbeiten und nicht in seinem Beruf als Beamter. Ich griff zu und es entwickelte sich ein reger Brief- und Paketverkehr, vor allem zwischen dem Buben - nennen wir ihn Paul - und mir.
Er war 10 Jahre alt und sehr aufgeweckt. Als ein Übertritt in eine höhere Schule anstand, wurde er nicht vorgeschlagen. Der Grund: er kam nicht aus einer Arbeiter- oder Bauernfamilie.
Die Mutter war außer sich. Er schloss also die Hauptschule ab und kam zur Reichsbahn. Dort arbeitete er sich rasch empor, jetzt war er ja Arbeiter, jetzt durfte er sich weiter- und weiterbilden. Einer Tages - 1954 - durfte er uns sogar besuchen.
Schließlich wurde er zur Lehrerbildung zugelassen. Er wurde Lehrer im Auslandsschuldienst - also in anderen sozialistischen Ländern. Eines Tages schrieb mir die Tante aus Rostock, dass Paul aufgrund seiner Stellung keinen Briefwechsel mehr mit dem Westen führen dürfe.
Mit der Mutter schrieb ich noch, schickte auch Päckchen, aber den Jungen - inzwischen war er verheiratet und Vater - erwähnten wir nur mit dem 1. Buchstaben, also P. Mit Freunden wollte ich ihn einmal in seinem mir bekannten letzten Wohnort besuchen - aber unter der alten Adresse war er nicht aufzufinden, und ehemalige Nachbarn sagten, er sei unbekannt verzogen. Erst nach der Wende fand ich ihn auf seltsame Weise wieder. Unseren Briefwechsel haben wir wieder aufgenommen, P. ist inzwischen 60 und Großvater.
Dies ist ein Beispiel, wie sich der Staat DDR in die persönlichen Beziehungen seiner Bürger eingemischt hat."
Text: Luise Beyerlein. Der Text ist ein Auszug aus der Publikation "Grenzerfahrungen". Reisen in den Ostblock zur Zeit des "kalten Krieges". Wider das Vergessen!, erschienen 2009 bei VDS - Verlagsdruckerei Schmidt.
Foto: "Briefkästen" (Flickr / Maximilian Raschke).
Die folgenden Erinnerungen stammen aus Luise Beyerleins Publikation "Grenzerfahrungen". Reisen in den Ostblock zur Zeit des "kalten Krieges". Wider das Vergessen!. Das 46-seitige Buch erschien 2009 bei VDS - Verlagsdruckerei Schmidt. Wir danken der Autorin herzlich für die Genehmigung zur Veröffentlichung des Auszugs "Briefwechsel"!
"Als Lehrerin einer Unterstufenklasse wollte ich im Jahr 1949 meinen Schulkindern vermitteln, dass es einen Teil Deutschlands gab, in dem das Leben härter und noch viel bescheidener war als bei uns. Ich dachte mir, dass ich die Kinder so auch zum Briefschreiben ermuntern könnte. Die Kirchengemeinde von Neustadt hatte bereits eine Partnerschaft mit Rostock. Also gedachte ich, mich da anzuhängen. Ich schrieb einfach an 'eine 2. Klasse' in einer Rostocker Volksschule. Tatsächlich bekam ich Antwort, und wir entwarfen im Unterricht erste Briefe. Zu Weihnachten sammelten wir Zutaten für Kuchen und Plätzchen und bekamen begeisterte Dankesbriefe für die Pakete. Dann kam plötzlich ein Telegramm von der dortigen Lehrerin: 'Bitte keine weiteren Pakete schicken. Brief folgt.'
Dieser Brief folgte prompt in einem merkwürdig distanzierten Stil, ungefähr folgenden Inhalts:
'Uns geht es sehr gut, wir brauchen Ihre Pakete nicht. Sie haben im Westen selbst genug Arme, geben Sie das an diese weiter.' Ich war ratlos.
Die Kinder hatten sich inzwischen Schokolade von der Schulspeisung buchstäblich vom Mund abgespart. Wir beschlossen die Süßigkeiten als letztes Paket an den Kindergottesdienst der Partnergemeinde zu schicken und damit das Unternehmen zu beenden.
Eines Tages erreichte mich ein Brief aus Schleswig-Holstein von einer mir völlig unbekannten Absenderin. Es war eine Freundin der Lehrerin jener 2. Klasse. Sie schrieb mir, wie betrübt ihre Freundin sei, dass sie mir diesen harten Brief habe schreiben müssen - der Schulrat habe es so befohlen.
Gleichzeitig aber schilderte sie mir das Leben der Schwester dieser Lehrerin, gab mir deren Adresse und meinte, wenn ich Gutes tun wolle, dann solle ich mich um das Kind der Familie kümmern. Ein anderes Kind war auf der Flucht von Ostpreußen gestorben. Der Vater musste im Wald arbeiten und nicht in seinem Beruf als Beamter. Ich griff zu und es entwickelte sich ein reger Brief- und Paketverkehr, vor allem zwischen dem Buben - nennen wir ihn Paul - und mir.
Er war 10 Jahre alt und sehr aufgeweckt. Als ein Übertritt in eine höhere Schule anstand, wurde er nicht vorgeschlagen. Der Grund: er kam nicht aus einer Arbeiter- oder Bauernfamilie.
Die Mutter war außer sich. Er schloss also die Hauptschule ab und kam zur Reichsbahn. Dort arbeitete er sich rasch empor, jetzt war er ja Arbeiter, jetzt durfte er sich weiter- und weiterbilden. Einer Tages - 1954 - durfte er uns sogar besuchen.
Schließlich wurde er zur Lehrerbildung zugelassen. Er wurde Lehrer im Auslandsschuldienst - also in anderen sozialistischen Ländern. Eines Tages schrieb mir die Tante aus Rostock, dass Paul aufgrund seiner Stellung keinen Briefwechsel mehr mit dem Westen führen dürfe.
Mit der Mutter schrieb ich noch, schickte auch Päckchen, aber den Jungen - inzwischen war er verheiratet und Vater - erwähnten wir nur mit dem 1. Buchstaben, also P. Mit Freunden wollte ich ihn einmal in seinem mir bekannten letzten Wohnort besuchen - aber unter der alten Adresse war er nicht aufzufinden, und ehemalige Nachbarn sagten, er sei unbekannt verzogen. Erst nach der Wende fand ich ihn auf seltsame Weise wieder. Unseren Briefwechsel haben wir wieder aufgenommen, P. ist inzwischen 60 und Großvater.
Dies ist ein Beispiel, wie sich der Staat DDR in die persönlichen Beziehungen seiner Bürger eingemischt hat."
Text: Luise Beyerlein. Der Text ist ein Auszug aus der Publikation "Grenzerfahrungen". Reisen in den Ostblock zur Zeit des "kalten Krieges". Wider das Vergessen!, erschienen 2009 bei VDS - Verlagsdruckerei Schmidt.
Foto: "Briefkästen" (Flickr / Maximilian Raschke).






