Deutsch-Deutsche Geschichte in Bildung und Schule
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"Ein düsteres Bild gezeichnet"? (Berlin)

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Redaktion

Datum

20.08.2012

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Rom wurde 753 vor Christus gegründet. Der 30jährige Krieg begann 1618 und endete 1648. Geschichte ist für viele Jugendliche und auch Erwachsene graues Auswendiglernen. Das Online-Bildungsportal DeineGeschichte.de geht seit 2008 neue Wege: Hier werden Geschichtsvermittlung und Stärkung von Medienkompetenz zusammengedacht. Dafür wurde das Projekt in diesem Jahr von der Initiative "Land der Ideen" als "Bildungsidee" ausgezeichnet.

Aus Anlass der Preisverleihung veranstaltete DeineGeschichte am 9. August 2012 ein SpeedLab - eine Art Minikonferenz, bestehend aus Inputvortrag, vier kurzen Workshops (LernLabs) und Podiumsdiskussion. Auf dem SpeedLab wurde diskutiert, wie historisches Lernen attraktiv und zeitgemäß gestaltet werden kann. Hier geben wir euch eine ausführlichere Zusammenfassung der in den LernLabs diskutierten Themen. Eine Kurzfassung findest du hier. Der Inputvortrag des Geschichtsdidaktikers Christoph Kühberger (PH Salzburg) kann in voller Länge über Vimeo abgerufen werden. Den Trailer, der zu Beginn des SpeedLab gezeigt wurde, kannst du dir hier ansehen. Weitere Berichte über DeineGeschichte, die Preisverleihung und das SpeedLab findest du beim Deutschlandfunk, Deutschlandradio Kultur und bei TV Berlin.
 

"Geschichte spielen": Unterhaltungsspiele Ernst nehmen

In Gruppen besuchten die Teilnehmer des SpeedLabs nacheinander vier LernLabs. Im ersten stellte die Historikerin Angela Schwarz (Universität Siegen) ihr 2010 erschienenes Buch über Geschichte in Computerspielen vor: "Wollten Sie auch immer schon einmal pestverseuchte Kühe auf Ihre Gegner werfen?" Laut Schwarz erschienen seit Anfang der 1980er Jahre etwa 2000 PC-Spiele mit historischem Bezug und Unterhaltungscharakter. Der Markt dieser "Historienspiele" boomt seit Mitte der 1990er. Rund 100 neue Spiele unterschiedlichster Spielvarianten (Strategiespiele, Adventure-Games, Denk- und Geschicklichkeitsspiele, Simulationsspiele etc.) kommen seitdem jährlich auf den Markt. Dabei werden Zocker thematisch "erschlagen vom II. Weltkrieg".
Wer denkt, dass PC-Spiele nur etwas für pubertierende Jungs sind, irrt indes. Zumindest im Segment der Historienspiele liegt das Durchschnittsalter der Spieler bei 35 Jahren, 43 Prozent der Spieler sind weiblich.
Schwarz plädierte auf dem SpeedLab "Die Zukunft der Vergangenheit" eindringlich dafür, unterhaltsame Historienspiele als Mittel historischen Lernens Ernst zu nehmen. Games wie Assassin‘s Creed oder Age of Empires führen jenseits von festen Lernkontexten an Geschichte heran und zeichnen sich durch eine große Vielfalt an Themen und Epochen aus. Was PC-Spiele für das Historische Lernen leisten könnten, sei allerdings noch lange nicht ausgereizt, da Spieleentwickler Geschichte bislang vor allem als Ansammlung von Daten begreifen. Historiker werden noch nicht hinzugezogen, wenn Spiele mit historischem Hintergrund konzipiert werden, was Schwarz sehr bedauert.
 
 
"Geschichte begehen": Wir brauchen den real begehbaren Ort
 
Inputreferenten des zweiten LernLabs waren der Pädagoge Heiko Klare (Geschichtsort Villa ten Hompel) und der Künstler Achim Konejung (Konejung-Stiftung Kultur). Klare und Konejung machten deutlich, dass jeder Ort geschichtsträchtig ist. Es muss aber nicht überall ein Schild angebracht werden, "nur weil dort einmal ein Trabbi stand." An jedem real begehbaren Ort überlagern sich zudem mehrere Schichten von Geschichte. Diese müssten an einer Gedenkstätte sichtbar gemacht werden. Zugleich müsse deutlich werden, dass dieses Erinnern inszeniert ist. Dann aber könne vom "authentischen" Geschichtsort nicht mehr die Rede sein.
Konejung gab Einblick in sein Projekt "Multimedia History Guide". Der Guide stellt historisches Bild- und Filmmaterial, Zeitzeugeninterviews und Expertenkommentare zur Verfügung, mit denen sich verschiedene Erinnerungslandschaften in der Eifel und im Rheinland erschließen lassen. Sowohl Konejung als auch Klare machten jedoch deutlich, dass virtuelle Angebote zur Geschichtsvermittlung den Besuch am realen Ort nur ergänzen, nicht jedoch ersetzen können.
Im LernLab "Geschichte begehen" wurde auch diskutiert, dass jeder Mensch eigene Zugänge zur Geschichte habe und daher auch eigene Erinnerungsorte brauche. Man müsse sich nur zur Auseinandersetzung zwingen und das sei in Auschwitz mitunter leichter als direkt vor der Haustür.
 
 
"Geschichte erzählen": Geschichte besteht aus Geschichten
 
Das LernLab "Geschichte erzählen" wurde von zwei Frauen geführt: Kathrin Große (Anne Frank Zentrum Berlin) arbeitet als Referentin im Projekt "Kriegskinder - Lebenswege bis heute", Dorothee Wein (Freie Universität Berlin) konzipiert Schulprojekte für das Shoah Foundation Institute.
Wein machte deutlich, dass Schüler nicht unbedingt die Begegnung mit dem realen Zeitzeugen brauchen. Auch über Videointerviews lassen sich Jugendliche gut erreichen. In ihren Projekten dürfen die Schüler aus mehreren Ausschnitten wählen, mit welchem Interview bzw. welcher Lebensgeschichte sie sich weiter beschäftigen wollen. Zentral sei die Frage, wie sich Schüler zum Medium Videointerview und den dargestellten Lebensgeschichten in Beziehung setzten. Welche Aktualisierungsmöglichkeiten, welche Anknüpfungspunkte zur Lebenswelt der Jugendlichen gibt es? Zugleich machte Wein deutlich, dass man nicht bei dieser Aktualisierung stehen bleiben dürfe sondern viel Zeit in die Differenzierung investieren müsse.
Große arbeitet für ein Projekt, in dem Kinder und Jugendliche selbst Zeitzeugeninterviews führen sollen. Hier sei es besonders wichtig, Zeit in die Vorbereitung zu investieren: Wie geht man zum Beispiel mit "Profi-Zeitzeugen" um, die ihre Lebensgeschichte schon viele Male erzählt haben? Andererseits müssten Schüler auch lernen, dass nicht jedes Zeitzeugeninterview bzw. jede Lebensgeschichte einen dramatischen Höhepunkt hat, dass Erinnerung lebt, veränderbar und individuell ist. "Zeitzeugen passen ihre Geschichten mit der Zeit an. Wie kann man da Geschichte noch wahr übermitteln?", fragte ein Teilnehmer. Man müsse sich und anderen bewusst machen, dass Geschichte immer subjektiv sei. Man dürfe es nicht für die Wahrheit annehmen, sondern als Wahrnehmung des Zeitzeugen.
 
 
"Geschichte entwickeln": An Nachhaltigkeit denkt Keiner

Birgit Marzinka (lernen-aus-der-geschichte.de) bestritt das vierte LernLab. Sie arbeitet in verschiedenen Projekten zur historisch-politischen und medienpädagogischen Bildung und kennt sich bestens mit den Tücken der Finanzierung solcher Projekte aus. "Es ist wahrscheinlicher, dass ein Förderungsantrag abgelehnt als angenommen wird", sagte sie.
Marzinka stellte u.a. die im Juli 2012 erschienene Studie des Wissenschaftszentrums Berlin zum dritten Sektor vor. Demnach ist die institutionelle Förderung von Bildungsprojekten stark rückläufig, an Nachhaltigkeit denkt anscheinend Keiner. Aufgrund der allgemeinen Wirtschaftslage (Rückgang der Zinsen bedeutet Rückgang von Stiftungsvermögen) habe sich der Wettbewerb um Fördermittel zusätzlich verschärft. Antragstellung und Verwaltung von Fördergeldern seien mittlerweile sehr aufwendig und für Ehrenamtliche eigentlich kaum noch zu leisten. Viele Förderprogramme schließen zudem kleinere Träger aus, weil sie eine hohe Co-Finanzierung verlangen. Wirtschaftsunternehmen agierten stark Interessen geleitet. Auch das Einsammeln von Spenden sei bei Bildungsthemen eher schwierig: "Es fehlt das Bild des hungernden Kindes. Da sind Menschen selten betroffen."
Ein Teilnehmer schloss die Runde mit den Worten: "Sie haben ein düsteres Bild gezeichnet." DeineGeschichte kann dem nur zustimmen. 2012 läuft die Förderung für das Portal aus, weswegen die Zukunft des Projekts ungewiss ist.
 
 
Text: Johanna Kindermann & Miriam Menzel, Kooperative Berlin.
 
Video: Video-Zusammenschnitt vom SpeedLab "Die Zukunft der Vergangenheit" (Kamera & Schnitt: Johannes Girke, Kooperative Berlin).

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