Deutsch-Deutsche Geschichte in Bildung und Schule
Bild zu "Der schönste Abend meines Lebens"
Dossier: Widerstand in der DDR

"Der schönste Abend meines Lebens" (Hamburg)

Autor

ImkeEmmerich

Datum

17.10.2012

Bewertung

* * * * *

Kommentare

0

Kategorien

Staat & Gesellschaft
Aktuelles

Kontakt

Redaktion

Drucken

Diese Seite drucken

Er wuchs in Ostberlin auf, wurde dort als Wehrdienstverweigerer eingesperrt  und später erster und letzter Minister für Verteidigung und Abrüstung in der DDR. Rainer Eppelmann, evangelischer Pfarrer und Vorstand der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, über gute Geschichtslehrer, die Friedensbewegung der 1980er Jahre und die Friedliche Revolution, die ihm den schönsten Abend seines Lebens bescherte.

Ein Interview von Imke Emmerich, Jasmin Graf & Michèle Hellmich, entstanden im Masterstudiengang "Journalistik & Kommunikationswissenschaft" (Universität Hamburg).




Herr Eppelmann, welche Bedeutung hat für Sie der Begriff "Friede"?



Rainer Eppelmann: Das ist für mich ein zentraler Begriff menschlichen Zusammenlebens. Neben Freiheit. Friede und Freiheit sind zwei Begriffe, die manchmal auch in Spannung zueinander stehen, mal ist der eine wichtiger, mal der andere. Leider lässt sich in der Wirklichkeit nicht immer ermöglichen, dass beides gegeben ist: Die Bundesrepublik hat zur Zeit der deutschen Teilung ihr eigenes Grundverständnis so festgelegt, dass Freiheit an erster Stelle kam. Damit hat sie sich letztlich für Krieg entschieden, aber gesagt: "Alle Deutschen sollen in Freiheit leben können und das ist das höchste Gut." In der DDR war später die Sehnsucht von immer mehr Menschen nach Freiheit so groß, dass sie sogar bereit waren, dafür ihre Heimat und Verwandten zu verlassen.
 


Hatten auch Sie in der DDR den Gedanken zu fliehen, um in Freiheit zu leben?
 
R.E.: Den Gedanken hatte ich unmittelbar nach dem 13. August 1961. Bis dahin bin ich in Westberlin auf ein Gymnasium gegangen, wie Hunderte andere Ostberliner. Nach dem Mauerbau war ich deshalb aber in Ostberlin ein Verräterkind und durfte dort nicht auf die Oberschule gehen. Ich habe ernsthaft überlegt und beschlossen: "Ich will rüber in den Westen." Meine Mutter hat mit Hilfe der Evangelischen Kirche einen Antrag auf Familienzusammenführung gestellt und wollte mit uns Kindern gehen – sie ist aber nur mit den beiden kleineren Geschwister raus gekommen. Meine andere Schwester ging ein paar Jahre später. Aber ich hatte inzwischen meinen Antrag zurückgenommen, weil ich das weibliche Wesen kennen gelernt hatte, mit dem ich alt werden wollte (lacht).

 
 
Sie haben dann den Dienst an der Waffe und den Fahneneid verweigert und mussten dafür ins Gefängnis. Wie früh keimte bei Ihnen der Wille zum Widerstand gegen das DDR-Regime auf?
 
R.E.: Dieser 13. August, der hat mein Leben verändert. Ich war 18 und habe gedacht, jetzt könnte ich Architektur studieren. Das war dann Aus und Vorbei. Ich habe zunächst nicht einmal eine Lehrstelle bekommen und als Bauhilfsverwalter arbeiten müssen. Nachher hätte ich wahrscheinlich noch einen Ingenieurabschluss machen können – aber das wollte ich nicht. Weil ich damit nachgebetet hätte, was mir gesagt wurde. Dafür bin ich sozusagen in Westberlin in der Schule versaut worden.
 
 
In wiefern?
 
R.E.: Wir hatten eine fantastische Geschichtslehrerin, die uns lehrte: "Du sollst Fragen stellen. Du sollst Dich mit dem, was ich erzähle, auseinandersetzen, es nicht bloß nachbeten. Bilde Dir Deine eigene Meinung." Und in der DDR hieß es: Nachbeten. Dafür war ich nun versaut, dazu war ich nicht mehr bereit.
 
 
Also haben Sie auch den Wehrdienst verweigert?
 
R.E.: Nach Auschwitz werde ich als Deutscher niemals einem Menschen versprechen, alles zu machen, was er mir sagt. Man muss vielleicht dazu sagen: In der heutigen Bundeswehr darf ein Soldat einen unmenschlichen Befehl nicht ausführen. In der DDR hieß es in der gleichen Situation: "Sie haben jeden Befehl auszuführen." Ich bin als christlicher Mensch aufgewachsen. Wenn ich überhaupt jemandem etwas verspreche, dann ist das Gott, aber nicht irgendeinem Leutnant oder Hauptfeldwebel. Der zweite Grund war der 13. August: Ich bin doch nicht bescheuert! Ich lass mich doch nicht durch den Kakao ziehen.
 
 
Sie haben dafür acht Monate Zuchthaus bekommen.
 
R.E.: Ja. Mit dem Vorteil, dass ich als erwachsener Mann wieder herausgekommen bin. Ich bin nicht zerbrochen, für mich ist die Zeit im Gefängnis eine sehr prägende, sehr wichtige gewesen. Ich war nicht angstfrei, aber war sehr viel weniger erpressbar als viele Landsleute, weil ich im Knast war und wusste: Daran gehst Du nicht kaputt.
 
 
Konnten Sie Ihre Erfahrungen später als Pfarrer nutzen und anderen Männern beim Verweigern des Kriegsdienstes helfen?
 
R.E.: Ich habe dafür natürlich Reklame gemacht, was mir nicht nur Freunde beschert hat. In der Evangelischen Kirche hat man die Konfrontation mit der Regierung nicht gesucht. Das Bemühen ging eher darum, eine Regelung dafür zu finden, dass die jungen Leute wegen der Wehrdienstverweigerung, also aus Gewissensgründen, nicht ins Gefängnis mussten. 1964 kam schließlich die Regelung zu den Baueinheiten – die einzige Möglichkeit, den Dienst an der Waffe zu verweigern und stattdessen Bau- oder Hilfsarbeiten zu verrichten. Wenn man nicht aus einem in die Gemeinde eingebundenen Elternhaus stammte, hat man gar nicht davon gewusst. Ich hatte im Kirchenkreis viel mit jungen Männern zu tun. Die habe ich dann beraten und darüber informiert, dass es diese Baueinheiten gibt – die Regelung wurde im Gesetzt sicherlich mal erwähnt, aber dann haben sie natürlich nie wieder Werbung dafür gemacht.
 
 
Sie sind später dann zum Minister für Verteidigung und Abrüstung in der DDR geworden. Wie kam es vor dem Hintergrund Ihrer persönlichen Geschichte dazu?
 
R.E.: Zusammen mit Robert Havemann habe ich im Februar 1982 den "Berliner Appell" formuliert – ein Aufruf zur Abrüstung in Ost und West. Über die Westmedien haben wir ihn verbreitet, nachdem die Kirche dazu nicht bereit war. Das ist natürlich eingeschlagen wie eine Bombe und war  der Grundstein für die Entwicklung von Friedenskreisen: In diesen Gruppen haben wir uns mit Militärstrategien und Gesellschaftsfragen befasst. Wir wollten Bürgerrechte, Freiheit, Demokratie. … und haben dann eine Partei gegründet... Was kurz zuvor eine exotische Vorstellung gewesen wäre, haben wir '89 mit dem "Demokratischen Aufbruch" (DA) gemacht, ja. Dann kam der Glückszufall, der Fall der Mauer, und schließlich gab es die ersten freien Wahlen am 18. März 1990. Der designierte Ministerpräsident der DDR, Lothar de Maizière, fragte mich, ob ich in seinem Kabinett Minister für Nationale Verteidigung werden wollte. Mir sind da die "drei A’s" eingefallen, mit denen ich mich befasst hatte: Arbeit und Soziales, Auswärtiges und Abrüstung und Verteidigung. "Nee", habe ich gesagt. "Nationale Verteidigung nicht, aber Abrüstung und Verteidigung: Das würde ich machen." Bis heute bin ich leider der einzige Minister auf der Welt, der auf den Gedanken gekommen ist, sich so zu nennen.
 
 
Zum "Glückszufall", dem Mauerfall: Wie haben Sie den ganz persönlich miterlebt?
 
R.E.: Indem ich dabei half, den Schlagbaum an der Grenze zu öffnen. Stellen Sie sich das mal vor: An diesem 9. November hätte Schabowski diese berühmte Worte gesagt und die DDR Bürger hätten gemacht, was sie die ganzen Jahre gemacht hatten: nichts. Sie hätten sich vor die Glotze gesetzt und gewartet. Am nächsten Morgen wäre die Auflage von "Neues Deutschland" in die Höhe geschnellt, da müsste ja was drin stehen. Hätte nichts dringestanden. Jeden Tag hätten sie eine neue Zeitung gekauft. Es wäre nichts passiert. Zum Glück hat es aber Tausende gegeben, die gesagt haben: "Das wollen wir uns gleich mal angucken."
 
 
Einer von denen waren Sie.
 
R.E.: Ja. Als wir in der Bornholmer Straße ankamen, waren die Schlagbäume noch unten. Die Wachburschen waren sehr nervös, weil immer mehr Menschen kamen. Der Verdienst des Offiziers war es, dass er seine Männer schützen wollte: Er ließ die Waffenschränke zuschließen und sie standen zum ersten Mal unbewaffnet da. Waffenlose Soldaten gegen waffenlose Bürger. Und wir waren viele. Irgendwann begriffen wir: Die dürfen nicht aufmachen, also haben wir aufgemacht. Bis heute der schönste Abend meines Lebens. Das alles ist nur passiert, weil Zigtausende gekommen sind.
 
 
Auch während der Friedensdemonstrationen in der Zeit vor dem Mauerfall sind Tausende auf die Straße gegangen. Hatten sie keine Angst mehr?
 
R.E.: Ich bin dankbar, dass Sie diese Frage stellen. Wenn man beurteilen will, was im Herbst 1989 in der DDR passierte, muss man wissen, dass wir alle Eingesperrte waren, dass wir in den Jahren nach 1953 und 1961 zu Flüsterern wurden. Wir haben sehr genau überlegt, wo wir sagten, was wir wirklich dachten. Auch die 70.000, die am 9. Oktober 1989 rausgegangen sind, haben nicht gewusst, ob sie gesund oder ob sie überhaupt wiederkommen. Sie waren erkennbar, haben eine Maske fallen lassen, haben geredet. Ich kann es nicht schöner formulieren als es Václav Havel in einem anderen Zusammenhang gesagt hat. Die Menschen hat das Bewusstsein getrieben: Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass eine Sache gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat. Egal wie es ausgeht.
 


Im Vergleich zu den Jahren vorher ein verändertes Verhalten der Bürger.
 
R.E.: Ja. Meiner Meinung nach war das eine hochrevolutionäre Stimmung. Ich bin ein leidenschaftlicher Verfechter der These, die besagt, dass man im Herbst 1989 nicht von Wende reden darf. Der Einzige, der das korrekterweise durfte, weil es seinen eigenen Absichten entsprach, war der Erfinder dieses Wortes: Egon Krenz. Der hat gesagt: "Ich und meine Partei, wir nehmen jetzt eine Wende unserer Politik vor." Mit dem Ziel, nur soviel zu verändern, dass es reicht, die nächsten 100 Jahre weiter zu regieren. Die Bürger wollten aber eine Veränderung der Verhältnisse. Und das muss man Revolution nennen.
 
 
 
Das Interview führten Imke Emmerich, Jasmin Graf und Michèle Hellmich. Die drei sind Absolventinnen des Masterstudiengangs "Journalistik & Kommunikationswissenschaft". Das Interview entstand als Beitrag zum Wahlseminar "Friedensbewegung der 1980er Jahre" an der Universität Hamburg.

 
Foto: Rainer Eppelmann, seit 1998 Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, in Aktion (Bundesstiftung Aufarbeitung / Birgit Meixner).

Deine Bewertung

(höher = besser)
Zurück zur Übersicht
Dossier: Stasi Schülerbeitrag: Macht und Methoden der Stasi

Schülerbeitrag: Macht und Methoden der Stasi

Text | Auszüge aus einem Schüleraufsatz von Jakob Hamidi

Dossier: Stasi Schülerbeitrag: Lebenswege von jugendlichen Oppositionellen

Schülerbeitrag: Lebenswege von jugendlichen Oppositionellen

Text | Auszüge aus einem Schüleraufsatz von Jakob Hamidi

Dossier: Widerstand in der DDR

"An allen Feiertagen Hausarrest"

Video | Schüler interviewen den DDR-Oppositionellen Karsten Dümmel