Dossier: Osteuropa
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Interview: In Moskau gestrandet
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Datum
25.10.2012
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Die DDR war für mich als Kind genauso abstrakt wie die Französische Revolution oder die Steinzeit. Die Mauer fiel, als ich ein Jahr alt war und auch später bekam ich nur im Geschichtsunterricht davon mit. Für mich war Deutschland ein Land und erst später bemerkte ich, dass überall noch Nachwirkungen der deutschen Teilung zu spüren sind. Dennoch hätte ich nie gedacht, dass meine eigene Mutter so stark mit dem Kalten Krieg in Berührung gekommen war. Ich kannte die Fotos von ihr in Moskau, wie sie halb erfroren im Schnee steht. Die Verbindung konnte ich trotzdem nicht herstellen. Erst jetzt, Jahre später, erzählte sie mir von ihrem Abenteuer in der Sowjetunion, mitten im Kalten Krieg. Daraus entstand dieses Interview mit meiner Mutter Walburga Kindermann.
Du bist in Hessen geboren und hast zur Zeit der deutschen Teilung in Westdeutschland gelebt. Mit 21 Jahren, das muss also 1974 gewesen sein, bist du in Moskau gestrandet. Wie ist es dazu gekommen?
Walburga Kindermann: Auf meinem Flug von Sri Lanka nach Frankfurt am Main im Februar 1974 mit Aeroflot über Moskau ging es dort nicht weiter. Ich vermute, dass mein Name für den Weiterflug nicht mehr auf der Passagierliste war. Dunkel erinnere ich mich, dass da die Ticketkontrolle war und man hat mich nicht zu meiner Maschine gehen lassen. Ich dachte: Was wird jetzt werden? Was mache ich jetzt? Ich habe diese Situation etwas chaotisch in Erinnerung. Alle sprachen Russisch auf mich ein. Ich verstand nichts, konnte nur erahnen, was los war. Dann sah ich noch einen, dem es auch so erging wie mir. Wir sind zusammen zur Fluggesellschaft gegangen und haben versucht uns mit Englisch zu verständigen. Irgendwann wurden wir nach viel Russisch und "njet, njet", was nein bedeutet (das habe ich mehr erahnt als gewusst), den Soldaten übergeben.
Was wusstest du vorher über Moskau und die Sowjetunion?
W.K.: Ich wusste a) Haupstadt von UDSSR, b) Kommunismus. Verfolgung von Andersdenkenden. Habe kurz vorher den "Archipel Gulag" von Solcheniztky gelesen und wusste daher von Straflagern in Sibirien und Exekutionen politischer Gegner. Außerdem wusste ich c), dass es im Februar sehr kalt sein kann.
Wie sah Moskau zu der Zeit aus? Ist dir irgendetwas besonders aufgefallen?
W.K.: Ich erinnere mich noch an prachtvolle Boulevards und das Riesenkaufhaus über mehrere Stockwerke.
Wie hast du dich in dem Moment gefühlt, als du realisiert hast, dass du erst einmal mitten im Kalten Krieg im feindlichen Gebiet bleiben musst? Wie ging es dir in den folgenden Tagen? Hattest du Angst?
W.K.: Ich hatte große Angst, als Soldaten mit Maschinengewehren mich vom Flughafen in einen offenen Militärwagen führten. Ich erinnere mich an drei oder vier Uniformierte mit über den Schultern hängenden Waffen. Sie sahen aus wie Soldaten mit Maschinengewehren aus den Kriegsfilmen. Ich weiß noch, dass ich versuchte mit ihnen zu sprechen. Ich bekam aber nur "njet, njet" als Antwort.
Wie gestalteten sich deine Tage? Wo hast du zum Beispiel gewohnt? Und wie bist du an Geld gekommen?
W.K.: Ich war sicher, es geht nun nach Sibirien, aber ich wurde in ein schickes Hotel am Stadtrand gebracht. Dort wohnte ich nun mit Vollpension und russischem TV. Das war schon eine Erleichterung. Alles wurde von der Fluggesellschaft bezahlt. Ich hatte noch US-Dollar, die ich problemlos in Rubel umtauschen konnte. Tagsüber stromerte ich durch Moskau, versuchte mit den Russen zu reden, fuhr mit der Metro kreuz und quer durch die Stadt. Mein Begleiter, der wie ich ebenfalls in der Stadt festsaß, und ich wollten in Cafés Kaffee trinken, wurden aber nicht bedient. Wir warteten geduldig, wir waren ja nicht die einzigen Gäste. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam die Bedienung endlich, scheuchte uns mit viel Russisch und Handwedeln weg. Daraufhin setzten wir uns einen Tisch weiter nach hinten. Das Ganze wiederholte sich mehrmals, bis wir begriffen, dass wir nicht erwünscht waren. Ich erinnere mich, wir waren einen Tag vorher in einen anderem Café, in dem wir etwas zu trinken bekommen haben. Das war uns alles sehr unverständlich.
Eine deutsche Frau ohne sowjetischen Reiseführer war ungewöhnlich für diese Zeit in Moskau. Wie haben die sowjetischen Bürger darauf reagiert?
W.K.: Als ich sie ansprach in Deutsch, dann in Englisch, reagierten sie erschrocken, verwirrt, gingen einfach weiter, ignorierten mich. Ich konnte mir dieses Verhalten nur durch Angst erklären.
Während deines Aufenthaltes hast du im Hotel auch Ostdeutsche getroffen. Wie ist diese Begegnung verlaufen?
W.K.: Ich beschreibe jetzt einmal die Szene: Ich sitze im Hotel beim Frühstück, da höre ich am Nachbartisch Deutsch! Ich bin nichts wie hin, denn ich habe schon seit einer Woche kein Deutsch mehr gehört. Außer von meinem Begleiter, der nicht viel sprach. Ich frage die Leute, woher sie kommen und sie sagen "aus der DDR". Da werde ich natürlich neugierig. Sie erzählen, sie seien eine Reisegruppe aus der DDR. Ich erzähle ihnen meine Geschichte und was ich schon alles in Moskau gesehen habe. Sie können es gar nicht verstehen, dass ich mich frei bewegen darf, sie dürften das Hotel nur in Begleitung ihrer russischen Reiseführerin verlassen. Ihre Etagenaufzüge seien nur mit einem Schlüssel zu bedienen, den wiederum habe die Reiseführerin. Nur zu den Mahlzeiten und sonstigen Aktivitäten würden sie von ihrer Etage gelassen. Da kommt die Reiseführerin sehr erbost an den Tisch und verbietet ihnen mit mir zu sprechen, denn ich hätte ein Visum und sie nicht. Ich hatte das damals gar nicht so richtig kapiert, denn ich hatte ja gar kein Visum. Und außerdem sprach die Frau sehr hektisch und mit starkem russischem Akzent.
Welche Unterschiede in der Behandlung gab es zwischen dir als westdeutscher Gestrandeter und den ostdeutschen Urlaubern?
W.K.: Sie waren sehr verwundert, dass ich mich frei bewegen konnte und sie waren eingesperrt. Da fällt mir ein, dass ich mit den Ostdeutschen eine organisierte Stadtrundfahrt machen durfte - mit Besichtigung eines Westkaufhauses. Natürlich duften die nicht mit mir sprechen. Sie versuchten es auch gar nicht.
Nach fünf Tagen durftest du endlich deinen Heimflug antreten. Wie hat sich das zugetragen?
W.K.: Ich musste mich jeden Morgen am Flughafen melden und als dann endlich ein freier Platz in einer Maschine war, war ich sehr erleichtert.
Warst du zu dieser Zeit politisch aktiv? Welche Meinung hattest du von den damaligen Zuständen in der DDR und in Osteuropa?
W.K.: Ich war damals politisch nicht aktiv. Für Nichts auf der Welt hätte ich im Ostblock leben wollen. Die Menschen wirkten sehr eingeschüchtert. Es war ein Abenteuer und ich bin froh, dass es gut ausgegangen ist.
Haben dich deine Erlebnisse in Moskau später in deiner Meinung oder auch deinen Handlungen beeinflusst?
W.K.: Ich war ja eigentlich in Ceylon, Sri Lanka. Ich war total ausgefüllt mit fremder Kultur, anderer Religion, alles war total neu. Ich habe Moskau als Abenteuer neben dem großen Abenteuer Ceylon erlebt. Dabei ist Moskau vielleicht etwas untergegangen. Ich kann nicht beurteilen, ob mich mein Erlebnis dort sehr beeinflusst hat, denn es ist damals sehr viel parallel in der Welt und auch in der BRD passiert.
Das Interview führte Johanna Kindermann. Johanna studiert "Online-Journalismus" in Darmstadt und absolviert zur Zeit ein Praktikum bei der Kooperative Berlin.
Foto: "Russian militaries march on the red square - Moscow" (Flickr / PhotoAgo).
Du bist in Hessen geboren und hast zur Zeit der deutschen Teilung in Westdeutschland gelebt. Mit 21 Jahren, das muss also 1974 gewesen sein, bist du in Moskau gestrandet. Wie ist es dazu gekommen?
Walburga Kindermann: Auf meinem Flug von Sri Lanka nach Frankfurt am Main im Februar 1974 mit Aeroflot über Moskau ging es dort nicht weiter. Ich vermute, dass mein Name für den Weiterflug nicht mehr auf der Passagierliste war. Dunkel erinnere ich mich, dass da die Ticketkontrolle war und man hat mich nicht zu meiner Maschine gehen lassen. Ich dachte: Was wird jetzt werden? Was mache ich jetzt? Ich habe diese Situation etwas chaotisch in Erinnerung. Alle sprachen Russisch auf mich ein. Ich verstand nichts, konnte nur erahnen, was los war. Dann sah ich noch einen, dem es auch so erging wie mir. Wir sind zusammen zur Fluggesellschaft gegangen und haben versucht uns mit Englisch zu verständigen. Irgendwann wurden wir nach viel Russisch und "njet, njet", was nein bedeutet (das habe ich mehr erahnt als gewusst), den Soldaten übergeben.
Was wusstest du vorher über Moskau und die Sowjetunion?
W.K.: Ich wusste a) Haupstadt von UDSSR, b) Kommunismus. Verfolgung von Andersdenkenden. Habe kurz vorher den "Archipel Gulag" von Solcheniztky gelesen und wusste daher von Straflagern in Sibirien und Exekutionen politischer Gegner. Außerdem wusste ich c), dass es im Februar sehr kalt sein kann.
Wie sah Moskau zu der Zeit aus? Ist dir irgendetwas besonders aufgefallen?
W.K.: Ich erinnere mich noch an prachtvolle Boulevards und das Riesenkaufhaus über mehrere Stockwerke.
Wie hast du dich in dem Moment gefühlt, als du realisiert hast, dass du erst einmal mitten im Kalten Krieg im feindlichen Gebiet bleiben musst? Wie ging es dir in den folgenden Tagen? Hattest du Angst?
W.K.: Ich hatte große Angst, als Soldaten mit Maschinengewehren mich vom Flughafen in einen offenen Militärwagen führten. Ich erinnere mich an drei oder vier Uniformierte mit über den Schultern hängenden Waffen. Sie sahen aus wie Soldaten mit Maschinengewehren aus den Kriegsfilmen. Ich weiß noch, dass ich versuchte mit ihnen zu sprechen. Ich bekam aber nur "njet, njet" als Antwort.
Wie gestalteten sich deine Tage? Wo hast du zum Beispiel gewohnt? Und wie bist du an Geld gekommen?
W.K.: Ich war sicher, es geht nun nach Sibirien, aber ich wurde in ein schickes Hotel am Stadtrand gebracht. Dort wohnte ich nun mit Vollpension und russischem TV. Das war schon eine Erleichterung. Alles wurde von der Fluggesellschaft bezahlt. Ich hatte noch US-Dollar, die ich problemlos in Rubel umtauschen konnte. Tagsüber stromerte ich durch Moskau, versuchte mit den Russen zu reden, fuhr mit der Metro kreuz und quer durch die Stadt. Mein Begleiter, der wie ich ebenfalls in der Stadt festsaß, und ich wollten in Cafés Kaffee trinken, wurden aber nicht bedient. Wir warteten geduldig, wir waren ja nicht die einzigen Gäste. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam die Bedienung endlich, scheuchte uns mit viel Russisch und Handwedeln weg. Daraufhin setzten wir uns einen Tisch weiter nach hinten. Das Ganze wiederholte sich mehrmals, bis wir begriffen, dass wir nicht erwünscht waren. Ich erinnere mich, wir waren einen Tag vorher in einen anderem Café, in dem wir etwas zu trinken bekommen haben. Das war uns alles sehr unverständlich.
Eine deutsche Frau ohne sowjetischen Reiseführer war ungewöhnlich für diese Zeit in Moskau. Wie haben die sowjetischen Bürger darauf reagiert?
W.K.: Als ich sie ansprach in Deutsch, dann in Englisch, reagierten sie erschrocken, verwirrt, gingen einfach weiter, ignorierten mich. Ich konnte mir dieses Verhalten nur durch Angst erklären.
Während deines Aufenthaltes hast du im Hotel auch Ostdeutsche getroffen. Wie ist diese Begegnung verlaufen?
W.K.: Ich beschreibe jetzt einmal die Szene: Ich sitze im Hotel beim Frühstück, da höre ich am Nachbartisch Deutsch! Ich bin nichts wie hin, denn ich habe schon seit einer Woche kein Deutsch mehr gehört. Außer von meinem Begleiter, der nicht viel sprach. Ich frage die Leute, woher sie kommen und sie sagen "aus der DDR". Da werde ich natürlich neugierig. Sie erzählen, sie seien eine Reisegruppe aus der DDR. Ich erzähle ihnen meine Geschichte und was ich schon alles in Moskau gesehen habe. Sie können es gar nicht verstehen, dass ich mich frei bewegen darf, sie dürften das Hotel nur in Begleitung ihrer russischen Reiseführerin verlassen. Ihre Etagenaufzüge seien nur mit einem Schlüssel zu bedienen, den wiederum habe die Reiseführerin. Nur zu den Mahlzeiten und sonstigen Aktivitäten würden sie von ihrer Etage gelassen. Da kommt die Reiseführerin sehr erbost an den Tisch und verbietet ihnen mit mir zu sprechen, denn ich hätte ein Visum und sie nicht. Ich hatte das damals gar nicht so richtig kapiert, denn ich hatte ja gar kein Visum. Und außerdem sprach die Frau sehr hektisch und mit starkem russischem Akzent.
Welche Unterschiede in der Behandlung gab es zwischen dir als westdeutscher Gestrandeter und den ostdeutschen Urlaubern?
W.K.: Sie waren sehr verwundert, dass ich mich frei bewegen konnte und sie waren eingesperrt. Da fällt mir ein, dass ich mit den Ostdeutschen eine organisierte Stadtrundfahrt machen durfte - mit Besichtigung eines Westkaufhauses. Natürlich duften die nicht mit mir sprechen. Sie versuchten es auch gar nicht.
Nach fünf Tagen durftest du endlich deinen Heimflug antreten. Wie hat sich das zugetragen?
W.K.: Ich musste mich jeden Morgen am Flughafen melden und als dann endlich ein freier Platz in einer Maschine war, war ich sehr erleichtert.
Warst du zu dieser Zeit politisch aktiv? Welche Meinung hattest du von den damaligen Zuständen in der DDR und in Osteuropa?
W.K.: Ich war damals politisch nicht aktiv. Für Nichts auf der Welt hätte ich im Ostblock leben wollen. Die Menschen wirkten sehr eingeschüchtert. Es war ein Abenteuer und ich bin froh, dass es gut ausgegangen ist.
Haben dich deine Erlebnisse in Moskau später in deiner Meinung oder auch deinen Handlungen beeinflusst?
W.K.: Ich war ja eigentlich in Ceylon, Sri Lanka. Ich war total ausgefüllt mit fremder Kultur, anderer Religion, alles war total neu. Ich habe Moskau als Abenteuer neben dem großen Abenteuer Ceylon erlebt. Dabei ist Moskau vielleicht etwas untergegangen. Ich kann nicht beurteilen, ob mich mein Erlebnis dort sehr beeinflusst hat, denn es ist damals sehr viel parallel in der Welt und auch in der BRD passiert.
Das Interview führte Johanna Kindermann. Johanna studiert "Online-Journalismus" in Darmstadt und absolviert zur Zeit ein Praktikum bei der Kooperative Berlin.
Foto: "Russian militaries march on the red square - Moscow" (Flickr / PhotoAgo).






