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Herr Hans-Georg K. ist ein älterer Herr, der in sich vereint, was auf den ersten Blick nicht unbedingt zusammen zu passen scheint: Musikalisches Interesse und Handwerk. Herr K. liebt die Musik und spielt nicht nur Klavier, Akkordeon und Blockflöte, sondern hat früher auch gerne Lieder und Stücke selber komponiert. Sein Beruf ist Tischler. Scheint nicht zu passen? Tut es aber! Und wie es dazu gekommen ist, will ich Ihnen erzählen.
Geboren wurde Herr K. 1938 in Unruhstadt in der Mark Brandenburg. Dort verbrachte er seine Kindheit, bis er 1946 nach Berlin kam. Der Vater war nach dem Krieg dorthin gelangt und die Mutter entschied, dass die Familie wieder zusammen sein sollte.
In Berlin machte Herr K. seine Lehre - ein Zufall. Sein Traumberuf war Schriftsetzer. Obwohl er diese Aufnahmeprüfung erfolgreich absolvierte, wurde ihm die Ausbildung abgeraten – die Ursache dafür war seine Brille, die er schon zu diesem Zeitpunkt tragen musste. Da er trotzdem eine Ausbildung machen musste und wollte, entschied er sich für den Beruf des Tischlers, dabei half ihm ein Bekannter. Der war in der Firma Rachfall als Meister tätig und vermittelte ihm einen Ausbildungsplatz. Die Firma legte Wert auf gute Qualität und arbeitete sogar für die Regierung. So hatte der junge Hans-Georg doch viel Spaß bei der Arbeit, auch wenn es nicht der Traumberuf war. Als er mit der Ausbildung fertig war, ging er 1966 als Tischler an die Berliner Volksbühne und arbeitete dort bei der Kulissengestaltung und dem Szenenaufbau. Seinen kulturellen Interessen konnte er in dieser Zeit besonders gut frönen. Gerne schaute er sich die Proben an – das was eine völlig andere Erfahrung, als sie ein normaler Zuschauer je erleben konnte. Gerade das mitunter launische Verhalten des Regisseurs gegenüber den Schauspielern beeindruckte ihn sehr. Doch nicht nur die Schauspieler hatten unter den „Qualitäten“ des Spielleiters zu leiden, auch die Tischler mussten jederzeit mit Änderungswünschen rechnen. Mal sollte die Szene umgebaut und ein anderes Mal wollte man besondere Materialien haben, die nur schwer zu bekommen waren. An der Volksbühne war er bis 1975 tätig.
Doch wie passt das alles mit Musik zusammen? Wie kommt es, dass ein Handwerker, der eher körperlich tätig ist, in seiner Freizeit musiziert und eigene Stücke komponiert? Das ist die „zweite Seite“ von Hans-Georg K.
Schon in der frühen Kindheit war er oft krank und wurde von seiner Mutter sehr behütet. Rausgehen und mit Freunden in der Umgebung toben, durfte und konnte er oft nicht. So wurde die Musik zu seinem Hobby. Ein Hobby, dem er ohne Einschränkung nachgehen konnte. Sein erstes Instrument war die Blockflöte.
In Berlin erwachte seine Liebe zur Musik auf der Hochzeit seiner Schwester endgültig. Dort sah und hörte er einen Akkordeonspieler, das war der Auslöser einer lebenslangen Leidenschaft. Ohne selbst das Instrument je probiert zu haben, wollte er es unbedingt lernen. Nachdem er seine Eltern erfolgreich überzeugt hatte, begann er 1953 in der Musikschule mit dem Unterricht. Auch wenn man meint, seine Eltern hätten in der Nachkriegszeit andere Prioritäten gesetzt, ermöglichten sie es ihm, seine Leidenschaft zu leben. Sie bezahlten nicht nur die Musikschule, sondern kauften ihm auch ein Akkordeon und später sogar ein Klavier, als er sich dieses wünschte. Das Akkordeon kostete zirka 520 Mark, die Musikschule 10 Mark im Monat. Das war viel Geld in dieser Zeit.
Die Musikschule besuchte Herr K. von 1953 bis 1961. Da es ihm nicht reichte, nur für sich allein zu spielen, schloss er sich 1964 einem Akkordeonorchester an. Leider war gerade in dieser Zeit die kulturelle Welt nicht ohne politische Einflüsse zu denken. Was man im privaten Bereich spielte, das konnte jeder für sich entscheiden. Bei öffentlichen Auftritten gab es jedoch eine klare Regel: 60% der Musikstücke sollten von Ost-Komponisten sein, der Rest durfte aus westdeutscher Feder stammen. Diese Vorgabe erließ das Kulturministerium, dem auch die Musikschulen unterstanden. Das Orchester hatte sich an diese offiziellen Vorgaben zu halten. Herr K. bedauerte es sehr, dass neue Musikstile lange nicht übernommen wurden und Auftritte im Westen gab es überhaupt nicht.
Im Orchester traf Herr K. auf den Mann, der sein Interesse am Komponieren entdeckte und maßgeblich förderte. Sein Akkordeonlehrer bemerkte, dass Herr K. gerne Stücke selber schrieb und vermittelte ihn an das Berliner Haus der Kulturarbeit (BHKA). Dort gab es eine Gruppe mit Laienkomponisten, denen sich Herr K. bald darauf anschloss. Die Stücke, die er schrieb, wurden zum Teil in seinem Orchester gespielt und veröffentlicht. Bis 1973 war er im BHKA aktiv, das Orchester verließ er schon 1968, nachdem sein alter Orchesterleiter aufhörte. Der neue Dirigent hatte zwar viele und schöne Pläne, wusste diese jedoch nicht umzusetzen, der Frust ließ nicht lange auf sich warten.
Nach dem Tod seiner Mutter 1973 entschied er sich, nur noch privat zu spielen, da er sich um seinen Vater kümmern wollte und mit seinem eigenen Haushalt und der beruflichen Arbeit nur wenig Zeit zum Musizieren blieb.
Fazit: ein handwerklicher Beruf und musikalisches Feingefühl schließen einander nicht aus. Auf die Frage, ob Herr K. in der Rückschau auf sein Leben heute etwas ändern oder anders machen würde, antwortete er: „Ich hätte nicht einfach drauf los machen sollen. Eigentlich hätte ich erst eine richtige Ausbildung machen sollen. Also im Komponieren.“
Autorin: Janine H.
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Alles oder nichts? (Berlin)
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Datum
13.07.2009
Kategorien
Wirtschaft & Arbeit
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Herr Hans-Georg K. ist ein älterer Herr, der in sich vereint, was auf den ersten Blick nicht unbedingt zusammen zu passen scheint: Musikalisches Interesse und Handwerk. Herr K. liebt die Musik und spielt nicht nur Klavier, Akkordeon und Blockflöte, sondern hat früher auch gerne Lieder und Stücke selber komponiert. Sein Beruf ist Tischler. Scheint nicht zu passen? Tut es aber! Und wie es dazu gekommen ist, will ich Ihnen erzählen.
Geboren wurde Herr K. 1938 in Unruhstadt in der Mark Brandenburg. Dort verbrachte er seine Kindheit, bis er 1946 nach Berlin kam. Der Vater war nach dem Krieg dorthin gelangt und die Mutter entschied, dass die Familie wieder zusammen sein sollte.
In Berlin machte Herr K. seine Lehre - ein Zufall. Sein Traumberuf war Schriftsetzer. Obwohl er diese Aufnahmeprüfung erfolgreich absolvierte, wurde ihm die Ausbildung abgeraten – die Ursache dafür war seine Brille, die er schon zu diesem Zeitpunkt tragen musste. Da er trotzdem eine Ausbildung machen musste und wollte, entschied er sich für den Beruf des Tischlers, dabei half ihm ein Bekannter. Der war in der Firma Rachfall als Meister tätig und vermittelte ihm einen Ausbildungsplatz. Die Firma legte Wert auf gute Qualität und arbeitete sogar für die Regierung. So hatte der junge Hans-Georg doch viel Spaß bei der Arbeit, auch wenn es nicht der Traumberuf war. Als er mit der Ausbildung fertig war, ging er 1966 als Tischler an die Berliner Volksbühne und arbeitete dort bei der Kulissengestaltung und dem Szenenaufbau. Seinen kulturellen Interessen konnte er in dieser Zeit besonders gut frönen. Gerne schaute er sich die Proben an – das was eine völlig andere Erfahrung, als sie ein normaler Zuschauer je erleben konnte. Gerade das mitunter launische Verhalten des Regisseurs gegenüber den Schauspielern beeindruckte ihn sehr. Doch nicht nur die Schauspieler hatten unter den „Qualitäten“ des Spielleiters zu leiden, auch die Tischler mussten jederzeit mit Änderungswünschen rechnen. Mal sollte die Szene umgebaut und ein anderes Mal wollte man besondere Materialien haben, die nur schwer zu bekommen waren. An der Volksbühne war er bis 1975 tätig.
Doch wie passt das alles mit Musik zusammen? Wie kommt es, dass ein Handwerker, der eher körperlich tätig ist, in seiner Freizeit musiziert und eigene Stücke komponiert? Das ist die „zweite Seite“ von Hans-Georg K.
Schon in der frühen Kindheit war er oft krank und wurde von seiner Mutter sehr behütet. Rausgehen und mit Freunden in der Umgebung toben, durfte und konnte er oft nicht. So wurde die Musik zu seinem Hobby. Ein Hobby, dem er ohne Einschränkung nachgehen konnte. Sein erstes Instrument war die Blockflöte.
In Berlin erwachte seine Liebe zur Musik auf der Hochzeit seiner Schwester endgültig. Dort sah und hörte er einen Akkordeonspieler, das war der Auslöser einer lebenslangen Leidenschaft. Ohne selbst das Instrument je probiert zu haben, wollte er es unbedingt lernen. Nachdem er seine Eltern erfolgreich überzeugt hatte, begann er 1953 in der Musikschule mit dem Unterricht. Auch wenn man meint, seine Eltern hätten in der Nachkriegszeit andere Prioritäten gesetzt, ermöglichten sie es ihm, seine Leidenschaft zu leben. Sie bezahlten nicht nur die Musikschule, sondern kauften ihm auch ein Akkordeon und später sogar ein Klavier, als er sich dieses wünschte. Das Akkordeon kostete zirka 520 Mark, die Musikschule 10 Mark im Monat. Das war viel Geld in dieser Zeit.
Die Musikschule besuchte Herr K. von 1953 bis 1961. Da es ihm nicht reichte, nur für sich allein zu spielen, schloss er sich 1964 einem Akkordeonorchester an. Leider war gerade in dieser Zeit die kulturelle Welt nicht ohne politische Einflüsse zu denken. Was man im privaten Bereich spielte, das konnte jeder für sich entscheiden. Bei öffentlichen Auftritten gab es jedoch eine klare Regel: 60% der Musikstücke sollten von Ost-Komponisten sein, der Rest durfte aus westdeutscher Feder stammen. Diese Vorgabe erließ das Kulturministerium, dem auch die Musikschulen unterstanden. Das Orchester hatte sich an diese offiziellen Vorgaben zu halten. Herr K. bedauerte es sehr, dass neue Musikstile lange nicht übernommen wurden und Auftritte im Westen gab es überhaupt nicht.
Im Orchester traf Herr K. auf den Mann, der sein Interesse am Komponieren entdeckte und maßgeblich förderte. Sein Akkordeonlehrer bemerkte, dass Herr K. gerne Stücke selber schrieb und vermittelte ihn an das Berliner Haus der Kulturarbeit (BHKA). Dort gab es eine Gruppe mit Laienkomponisten, denen sich Herr K. bald darauf anschloss. Die Stücke, die er schrieb, wurden zum Teil in seinem Orchester gespielt und veröffentlicht. Bis 1973 war er im BHKA aktiv, das Orchester verließ er schon 1968, nachdem sein alter Orchesterleiter aufhörte. Der neue Dirigent hatte zwar viele und schöne Pläne, wusste diese jedoch nicht umzusetzen, der Frust ließ nicht lange auf sich warten.
Nach dem Tod seiner Mutter 1973 entschied er sich, nur noch privat zu spielen, da er sich um seinen Vater kümmern wollte und mit seinem eigenen Haushalt und der beruflichen Arbeit nur wenig Zeit zum Musizieren blieb.
Fazit: ein handwerklicher Beruf und musikalisches Feingefühl schließen einander nicht aus. Auf die Frage, ob Herr K. in der Rückschau auf sein Leben heute etwas ändern oder anders machen würde, antwortete er: „Ich hätte nicht einfach drauf los machen sollen. Eigentlich hätte ich erst eine richtige Ausbildung machen sollen. Also im Komponieren.“
Autorin: Janine H.






