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Interview mit einem ehemaligen Grenzsoldaten (Geisa)

Autor

DVV

Datum

01.01.1982

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Mauer, Grenze & Flucht

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Zur Person:
Herr Hofmann kommt aus Chemnitz. Er verrichtete seinen Wehrdienst von 1981 bis 1982 an der Grenze im Geisaer Land. Er kehrte nach 24 Jahren wieder in diese Region zurück und dabei trafen wir ihn am 21.10.2005 in Ketten. Im Gespräch wurde das Projekt Point Alpha erwähnt und er erklärte sich sofort zu einem Interview bereit.
 
Zum Grenzdienst:
Herr Hofmann wurde aus Chemnitz in die Grenzkompanie Geisa einberufen. Diese bestand aus 4 Zügen, die ihren Dienst auf 4 Schichten verteilten. Es gab die Früh-, Mittags-, Spät- und Nachtschicht. In der Zeit nach dem Schichtdienst standen entweder Versammlungen an, es musste sauber gemacht werden oder die Soldaten hatten Freizeit, obwohl diese sehr knapp bemessen war. Die freien Stunden wurden vorwiegend mit den Kollegen verbracht, da nur alle 8 Tage die Möglichkeit des Ausganges bestand. Mit dieser geringen Zahl an Ausgehterminen sollte der Kontakt zu der einheimischen Bevölkerung eingedämmt werden. So kam es nur in den Gaststätten zu gelegentlichen Treffen, wenn die Zeit des Ausganges in den Kneipen verbracht wurde. Zur Faschingszeit in der Karnevalshochburg Geisa hatte die Grenztruppe deswegen Ausgehverbot.
Offiziell bestand Herrn Hofmanns Hauptaufgabe im Grenzdienst darin, Grenzverletzern Einhalt zu gewähren. Dazu war der Gebrauch der Schusswaffe dasletzte Mittel. Vorher sollte aber ein Warnschuss abgegeben und dann erst auf die Person geschossen werden. In seiner Dienstzeit kam es zu einigen Grenzzwischenfällen, wobei es sich meistens um gelungene Fluchtversuche handelte. Die Grenzverletzungen passierten vorwiegend nachts und es wurde Alarm gemeldet und alle Soldaten rückten aus, um den Fall genaustens zu untersuchen. Da Herr Hofmann diese Fluchtversuche nicht sah, kam er auch nie in die Lage, diese Flüchtlinge am Vorhaben zu hindern und somit die Dienstwaffe benutzen zu müssen. Trotzdem, so erzählte er uns, machte man sich in solchen Situationen Gedanken, ob die Arbeit sorgfältig verrichtet wurde. In der Zeit seines Wehrdienstes kam es auch zu einem ganz bekannten Zwischenfall im Sperrgebiet des Geisaer Landes. Dieser war der Grenzübertritt des Regimentskommandeurs Rauschenbach, dem obersten Offiziers des Regiments „Florian Geyer“ in Dermbach. Die Grenzsoldaten wurden in einer Versammlung über den Vorfall informiert und wunderten sich darüber. Als es aber drei Tage später zu einer weiteren Zusammenkunft der Soldaten kam und sie hörten, dass Herr Rauschenbach wieder in der Deutschen Demokratischen Republik zurück wäre, kamen sie aus dem Staunen nicht mehr heraus. Er hatte in der Bundesrepublik die Ausreise beantragt und war zurückgekehrt. Nach den Worten der Dienst habenden Offiziere war er aus seinem Offiziersdienst in Ehren verabschiedet worden. Dies wurde aber von einigen Grenzsoldaten stark bezweifelt.
 
Seine Meinung heute:
Die Grenzsoldaten hätten den Dienst an der Grenze verweigern können, wenn sie den Einsatz der Schusswaffe mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren konnten. Dadurch wären sie lediglich zu einer anderen Einheit versetzt worden. Herr Hoffmann hatte nie das Gefühl, die Schusswaffe benutzen zu müssen und verweigerte dadurch auch nicht den Dienst. Er merkte aber an, dass ein bisschen Naivität bei dieser Meinung dabei gewesen wäre. Außerdem wollte er nicht versetzt werden, da er Angst vor der so genannten „EK- Bewegung“, der Entlassungskandidatenbewegung, hatte. Im Zuge dieses Trends hätten die „älteren Soldaten“ im letzten Halbjahr ihrer eineinhalbjährigen Dienstzeit das „Recht“ in Anspruch genommen , die jüngeren Soldaten zu kommandieren. An der Grenze wäre diese Bewegung eher unüblich gewesen. Er versicherte uns aber nochmals, dass er Glück hatte, die Schusswaffe nie benutzen zu müssen, um dadurch einen anderen Menschen zu verletzen oder sogar zu töten. So hat er keine Schuldgefühle und schämt sich auch nicht für seinen früheren Wehrdienst.
 
Das Gespräch fasste Matthias Abel zusammen.

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