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50 Aktenkilometer: Ein begehbares Stasi-Hörspiel in Berlin
Die Theatergruppe "Rimini Protokoll" und das Berliner Theater "Hebbel am Ufer" haben gemeinsam mit Deutschlandradio ein Live-Hörspiel entwickelt. Auf eigene Faust kann man nun die DDR- und Stasivergangenheit in Berlin erkunden. Während eines Spaziergangs quer durch die Stadt gibt es Zeitzeugenberichte, Personenbeschreibungen oder Polizeifunk aus den Stasi-Akten zu hören. Die Planung der Route hat man selbst in der Hand. Ich habe einen Selbstversuch gewagt:
Im Berliner Fernsehturm bekomme ich ein Smartphone, Kopfhörer und einen Stadtplan von Berlin, auf dem die "Hör-Stationen" eingezeichnet sind. Das Handy ist mit GPS-Technik und Google Maps ausgestattet. Über das Navigationssystem sehe ich rote Punkte. Gelange ich zu diesen eingezeichneten Plätzen, startet das Hörspiel automatisch - denn mit dem GPS-Empfänger weiß das Handy, wo ich bin.
Am Anfang meiner Tour bin ich etwas unsicher - wie ich über den Alexanderplatz laufe, riesige Kopfhörer auf dem Kopf, in der Hand das Handy habe und versuche, in die richtige Richtung zu laufen. Aber kaum bin ich ein paar Meter gelaufen, spricht mir jemand über die Kopfhörer ins Ohr. Die Stimme berichtet von einer Demonstration, die sich 1989 am Berliner Alexanderplatz abgespielt hat. Der Zeitzeuge, der von den damaligen Ereignisse erzählt, kann sich an viele Details erinnern: Welche Kleidung er trug, dass er in den Brunnen am Alexanderplatz vor seine Verhaftung flüchtete, und wo genau er festgenommen wurde. Da der Alexanderplatz in Berlin heute fast noch genau so aussieht wie 1989 kann ich mir bildlich vorstellen, wie die Demonstration damals statt fand. Die Hörstücke sind hier und überall in der Stadt genau auf die Umgebung abgestimmt. Der Ort, an dem ich mich befinde, wird von den Zeitzeugen immer genau beschrieben.
Bis ich den Alexanderplatz verlasse, dauert es fast eine Stunde, denn die Fülle an Hörspielen ist groß: An der einen Ecke höre ich den Polizeifunk der DDR, in dem sich zwei Polizisten über angekündigte Proteste austauschen, gehe ich ein Stück weiter, werden Personenbeschreibungen aus den Stasi-Akten vorgelesen. Hier bekomme ich schon einen kleinen Eindruck, wie es in der DDR gewesen sein musste: Überall hätte ein Mitarbeiter der Staatssicherheit stehen und mich beobachten können.
Auf meinem Weg über die Karl-Liebknecht-Straße Richtung Unter den Linden werde ich selbst fast zu einem Spitzel. Am Berliner Dom fordert mich das Hörspiel auf, eine Personengruppe zu beobachten. Ich soll darauf achten, welche Person mit wem Kontakt hat, in welchem Verhältnis sie stehen und welche Absichten sie haben könnten. Die von mir ausgewählte Touristengruppe ahnt nichts von den Anweisungen, die mir ins Ohr geflüstert werden. Die Situation wird mir schnell unangenehm und ich entscheide mich, meine kurzzeitige Spitzel-Aktivität zu beenden.
Entlang der Karl-Liebknecht-Straße haben die Hörstücke eine so große Reichweite, dass ich, während ich laufe, die Einspieler anhören kann. Ich muss dort also nicht stehen bleiben, sondern kann meinen Spaziergang gemütlich fortsetzen.
Während ich die Friedrichstraße entlang Richtung Checkpoint Charlie laufe, erzählt eine ehemalige inoffizielle Mitarbeiterin der Staatssicherheit der DDR von konspirativen Wohnungen, in denen sie sämtliche Freizeitaktivitäten anderen Stasi-Mitarbeitern offenlegte. Sie selbst merkte erst nach Jahren, dass die DDR "ein Polizeistaat war" und begann, Informationen zurückzuhalten, um ihre Freunde zu schützen. Es ist ein beklemmendes Gefühl, eine ehemalige Stasi-Mitarbeiterin zu hören, die von ihrer Arbeit spricht.
Besonders beeindruckend sind die Hörstücke am Bahnhof Friedrichstraße. Ich entschließe mich, vom Checkpoint Charlie zum Bahnhof Friedrichstraße mit der U-Bahn zu fahren. Als ich das Bahnhofsgebäude verlasse, startet das Hörspiel sofort und eine männliche Stimme bittet mich, um den Tränenpalast herum zu gehen. Hier funktioniert die Ortung des Handys leider nicht und ich muss nach dem Weg zum Tränenpalast fragen. Nachdem ich den Weg dorthin gefunden habe, erzählt eine weibliche Stimme im Hörspiel von ihren Erlebnissen hier. Sehr oft hat die Westberliner Zeitzeugin hier ihren Partner getroffen. Sie beschreibt, wo der Eingang des Tränenpalastes war, und sogar welches Geräusch die Tür machte, nachdem man die Grenzkontrollen hinter sich hatte.
Ein großer Regentropfen landet auf dem Display des Handys und holt mich in die Gegenwart zurück. Mit einem Sommerregen ist meine "Stasi-Tour" beendet und der Akku des Handys ist auch leer.
Nach dem Hörspiel wird mir erst bewusst, wie vernetzt die Stasi in der DDR war. Die vielen unterschiedlichen Geschichten von persönlichen Schicksalen machen deutlich, dass die ehemalige Staatssicherheit jedes private Detail im Leben der DDR-Bürger hätte herausfinden können.
Das begehbare Hörspiel kann ab sofort als App hier heruntergeladen werden.
Julia Dörfler
Foto: Berliner Dom, Fernsehturm und Hörspiel-Ausrüstung © Julia Dörfler
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Im Berliner Fernsehturm bekomme ich ein Smartphone, Kopfhörer und einen Stadtplan von Berlin, auf dem die "Hör-Stationen" eingezeichnet sind. Das Handy ist mit GPS-Technik und Google Maps ausgestattet. Über das Navigationssystem sehe ich rote Punkte. Gelange ich zu diesen eingezeichneten Plätzen, startet das Hörspiel automatisch - denn mit dem GPS-Empfänger weiß das Handy, wo ich bin.
Am Anfang meiner Tour bin ich etwas unsicher - wie ich über den Alexanderplatz laufe, riesige Kopfhörer auf dem Kopf, in der Hand das Handy habe und versuche, in die richtige Richtung zu laufen. Aber kaum bin ich ein paar Meter gelaufen, spricht mir jemand über die Kopfhörer ins Ohr. Die Stimme berichtet von einer Demonstration, die sich 1989 am Berliner Alexanderplatz abgespielt hat. Der Zeitzeuge, der von den damaligen Ereignisse erzählt, kann sich an viele Details erinnern: Welche Kleidung er trug, dass er in den Brunnen am Alexanderplatz vor seine Verhaftung flüchtete, und wo genau er festgenommen wurde. Da der Alexanderplatz in Berlin heute fast noch genau so aussieht wie 1989 kann ich mir bildlich vorstellen, wie die Demonstration damals statt fand. Die Hörstücke sind hier und überall in der Stadt genau auf die Umgebung abgestimmt. Der Ort, an dem ich mich befinde, wird von den Zeitzeugen immer genau beschrieben.
Bis ich den Alexanderplatz verlasse, dauert es fast eine Stunde, denn die Fülle an Hörspielen ist groß: An der einen Ecke höre ich den Polizeifunk der DDR, in dem sich zwei Polizisten über angekündigte Proteste austauschen, gehe ich ein Stück weiter, werden Personenbeschreibungen aus den Stasi-Akten vorgelesen. Hier bekomme ich schon einen kleinen Eindruck, wie es in der DDR gewesen sein musste: Überall hätte ein Mitarbeiter der Staatssicherheit stehen und mich beobachten können.
Auf meinem Weg über die Karl-Liebknecht-Straße Richtung Unter den Linden werde ich selbst fast zu einem Spitzel. Am Berliner Dom fordert mich das Hörspiel auf, eine Personengruppe zu beobachten. Ich soll darauf achten, welche Person mit wem Kontakt hat, in welchem Verhältnis sie stehen und welche Absichten sie haben könnten. Die von mir ausgewählte Touristengruppe ahnt nichts von den Anweisungen, die mir ins Ohr geflüstert werden. Die Situation wird mir schnell unangenehm und ich entscheide mich, meine kurzzeitige Spitzel-Aktivität zu beenden.
Entlang der Karl-Liebknecht-Straße haben die Hörstücke eine so große Reichweite, dass ich, während ich laufe, die Einspieler anhören kann. Ich muss dort also nicht stehen bleiben, sondern kann meinen Spaziergang gemütlich fortsetzen.
Während ich die Friedrichstraße entlang Richtung Checkpoint Charlie laufe, erzählt eine ehemalige inoffizielle Mitarbeiterin der Staatssicherheit der DDR von konspirativen Wohnungen, in denen sie sämtliche Freizeitaktivitäten anderen Stasi-Mitarbeitern offenlegte. Sie selbst merkte erst nach Jahren, dass die DDR "ein Polizeistaat war" und begann, Informationen zurückzuhalten, um ihre Freunde zu schützen. Es ist ein beklemmendes Gefühl, eine ehemalige Stasi-Mitarbeiterin zu hören, die von ihrer Arbeit spricht.
Besonders beeindruckend sind die Hörstücke am Bahnhof Friedrichstraße. Ich entschließe mich, vom Checkpoint Charlie zum Bahnhof Friedrichstraße mit der U-Bahn zu fahren. Als ich das Bahnhofsgebäude verlasse, startet das Hörspiel sofort und eine männliche Stimme bittet mich, um den Tränenpalast herum zu gehen. Hier funktioniert die Ortung des Handys leider nicht und ich muss nach dem Weg zum Tränenpalast fragen. Nachdem ich den Weg dorthin gefunden habe, erzählt eine weibliche Stimme im Hörspiel von ihren Erlebnissen hier. Sehr oft hat die Westberliner Zeitzeugin hier ihren Partner getroffen. Sie beschreibt, wo der Eingang des Tränenpalastes war, und sogar welches Geräusch die Tür machte, nachdem man die Grenzkontrollen hinter sich hatte.
Ein großer Regentropfen landet auf dem Display des Handys und holt mich in die Gegenwart zurück. Mit einem Sommerregen ist meine "Stasi-Tour" beendet und der Akku des Handys ist auch leer.
Nach dem Hörspiel wird mir erst bewusst, wie vernetzt die Stasi in der DDR war. Die vielen unterschiedlichen Geschichten von persönlichen Schicksalen machen deutlich, dass die ehemalige Staatssicherheit jedes private Detail im Leben der DDR-Bürger hätte herausfinden können.
Das begehbare Hörspiel kann ab sofort als App hier heruntergeladen werden.
Julia Dörfler
Foto: Berliner Dom, Fernsehturm und Hörspiel-Ausrüstung © Julia Dörfler






