Deutsch-Deutsche Geschichte in Bildung und Schule
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Dossier: Flucht in den Westen

Reportage: Dem Unrecht ein Gesicht geben

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16.08.2011

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"Was macht man mit jungen wilden Pferden, die man nicht einfangen kann?", fragte einst ein Stasi-Vernehmer Karin Gueffroy, die Mutter von Chris Gueffroy. "Man erschießt sie einfach?", sagte sie ungläubig. Der Vernehmer habe daraufhin nur stumm genickt.  
 
"Wenn ich‘s gewusst hätte, hätte ich ihn angebunden." Aber Karin Gueffroy wusste nicht, dass ihr Sohn Chris in der Nacht vom 5. auf den 6. Februar 1989 über die Berliner Mauer fliehen wollte. Sie hatte keine Ahnung, dass die Schüsse, die sie nachts hörte, ihm und seinem Freund Christian galten. Als letzter Mauertoter, der durch den Einsatz von Schusswaffen ums Leben kam, blieb Chris Gueffroys Fluchtversuch in der deutsch-deutschen Geschichte haften. Doch wie war er als Mensch, als Sohn, als Freund? Der Filmemacher Klaus Salge hat sich diesen Fragen in "Das kurze Leben des Chris Gueffroy" angenommen. Zu sehen war der Dokumentarfilm vor gefülltem Saal am 9. August 2011 in der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Berlin. Im Anschluss führte Sven-Felix Kellerhoff, Autor und leitender Redakteur für Zeit- und Kulturgeschichte der Welt und der Berliner Morgenpost, eine Podiumsdiskussion mit Karin Gueffroy, dem Filmemacher Klaus Salge und Dr. Maria Nooke, stellvertretende Leiterin der Gedenkstätte Berliner Mauer. 
 
In gut einer Dreiviertelstunde erhielten die Zuschauer Einblicke in das 20 Jahre junge Leben eines jungen Mannes, der immer in Bewegung zu sein schien. In seiner Schulzeit turnte er beim Sportclub Dynamo Berlin, später machte er eine Ausbildung zum Kellner, fuhr mit Freunden gern an die Ostsee und hatte einfach Freude am Leben. Um dem Dienst bei der Nationalen Volksarmee zu entgehen, entschloss er sich schließlich, mit seinem Freund Christian G. den Fluchtversuch zu wagen. Von Freunden hatten die beiden erfahren, dass der Schießbefehl aufgehoben sei. Grund dafür wäre der Staatsbesuch des schwedischen Ministerpräsidenten. Doch keine der beiden Informationen trafen zu diesem Zeitpunkt zu und so schossen die vier Grenzsoldaten, die in jener Nacht Aufsicht hatten, ungehindert auf die beiden Flüchtlinge. Während Christian G. am Bein verletzt und später zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wurde, endete der Fluchtversuch für Chris Gueffroy tödlich. 
 
Das Angebot, einen Film mit Karin Gueffroy zu machen, bekam Klaus Salge vor einiger Zeit vom rbb. Zwar war die Mauer in der Jugend des Regisseurs aus Sigmaringen kein Thema, sein Interesse an der deutschen Teilungsgeschichte findet sich jedoch in einer Vielzahl seiner Filme. Den Auftrag des rbb lehnte er zunächst jedoch ab, da er wusste, wie betroffen die Mutter noch immer vom Tod ihres Sohnes war. In der Zeit der Mauerschützenprozesse Anfang der 1990er Jahre, bei denen auch der Fall Chris Gueffroy verhandelt wurde, hatten sich der Filmemacher und Karin Gueffroy kennengelernt und angefreundet. Damals drehte er zusammen mit Lew Hohmann und Joachim Tschirner "Ein schmales Stück Deutschland", einen Dokumentarfilm über drei gescheiterte Fluchtversuche. Klaus Salge wandte sich der Geschichte von Chris Gueffroy zu. Als er schließlich doch bei Karin Gueffroy klingelte, um sie für den Dreh anzufragen, lehnte sie ab. Kurz darauf ging sie jedoch auf Klaus Salge zu und sagte: "Wenn, dann müssen wir einen Film machen, wo Chris ein Gesicht bekommt." 
 
So erinnert der Film nicht nur an "das kurze Leben des Chris Gueffroy", er vermittelt auch einen Eindruck davon, was die Persönlichkeit des jungen Mannes ausmachte. Denn die bekomme man nicht aus den Stasi-Akten, wie Dr. Maria Nooke betonte. Umso wichtiger sei es bei der Auswertung dieser, "die einseitige Perspektive" der Akten im historischen Kontext zu sehen. Eine Einbeziehung des Mauerschützen, der Chris Gueffroy erschoss, kam für Klaus Salge nicht in Frage. "Es wäre ein völlig anderer Film geworden, die Täter mit einzubeziehen." 
 
Die Regierung verleumdete Chris Erschießung und seine Mutter Karin Gueffroy konnte nichts dagegen tun. Sie musste den Verlust still hinnehmen, ihre Trauer unterdrücken. Erst nach der Wiedervereinigung konnte sie juristische Schritte einleiten, die den Auftakt zu den Mauerschützenprozessen bildeten. Während der Todesschütze wegen Totschlags zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde, erhielt ein zweiter Angeklagter wegen versuchten Totschlags zwei Jahre auf Bewährung. Zwei weitere, ehemalige Grenzer, die in dieser Nacht beteiligt waren, wurden freigesprochen.
 
Ein Urteil, das nach Auffassung der Mutter des Opfers alles andere als gerecht ist. Doch wie geht sie selbst mit dem Tod ihres Kindes um? Karin Gueffroy hat ihren eigenen Weg der Aufarbeitung gefunden. In Schulen erzählt sie die Geschichte ihres Sohnes, viele Schülerinnen und Schüler sind kaum jünger als Chris. Sie möchte jungen Menschen vermitteln, "wie eine Diktatur tickt" und ihnen ins Gedächtnis rufen, dass das Leben in einer Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist. So stellt der Film für sie eine Form der persönlichen Verarbeitung dar.
 
Auch wenn Karin Gueffroy betonte, sie habe nicht gewollt, "dass es ein trauriger Film wird", hinterließ die tragische Geschichte bei vielen Zuschauern nach der Filmvorführung ein Gefühl der Betroffenheit. "Ich fand es gut, dass ich mit traurig sein konnte", sagte eine Oberstufenschülerin, die im Publikum saß. Traurig, über den frühen Tod eines jungen Mannes, der zum Opfer einer Diktatur geworden ist, da er nicht ihren menschenrechtsunwürdigen Bedingungen unterliegen wollte. Und der durch Klaus Salges Dokumentarfilm ein Gesicht erhalten hat.
 
 
Karo Krämer
 
 
 
Foto: Karo Krämer
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