Deutsch-Deutsche Geschichte in Bildung und Schule
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"Grenzenlos" (Stuttgart)

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19.05.2009

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Auf den Spuren der Trennung und Wiedervereinigung Deutschlands

Am Morgen des 19. Mai 2009 traf sich eine Gruppe von zwölf ZweitpreisträgerInnen am Stuttgarter Omnibusbahnhof, um sich auf den Spuren der Trennung und Wiedervereinigung Deutschlands zu bewegen. Es war eine bunt gemischte Gruppe aus ganz Baden-Württemberg, die beim 51. Schülerwettbewerb des Landtags von Baden-Württemberg Arbeiten zum Thema „20 Jahre Mauerfall – Gibt es die Mauer in den Köpfen noch“ eingereicht haben.
 
Das Seminar stand unter dem Motto „Grenzenlos – Vergangenheit aufspüren und Zukunft gestalten“. Am Bahnhof Hof warteten schon die neun sächsischen „Kollegen“ auf uns, die beim Schülerwettbewerb des sächsischen Landtags Arbeiten zum Thema „20 Jahre Friedliche Revolution“ eingereicht hatten. Im Bus war jetzt Zeit, sich miteinander vertraut zu machen und erste Kontakte zu knüpfen.

Für viele Jugendliche aus diesen zwei geographisch weit auseinander liegenden Bundesländern war es die erste Begegnung mit dem ehemals geteilten Dorf Mödlareuth. Fast alle hatten schon viel über dieses Dorf an der bayerisch-thüringischen Grenze gehört, doch bis jetzt war noch keiner der PreisträgerInnen dort gewesen. Im  Deutsch-Deutschen Museum erläuterte uns der Leiter Robert Lebegern die historischen Geschehnisse und zeigte uns die ehemalige ostdeutsche Seite mit den Schießanlagen sowie dem Grenzzaun am Ortsrand. Nur ein Grenzstein markierte also die Grenze zwischen Ost und West und doch war es strengstens verboten, von Ost nach West nur zu winken.
 
Der Fall der Mauer brachte die lang getrennten Familien wieder zusammen,  die gemeinsam Feste feiern und die Entwicklung des Ortes vorantreiben konnten. Heute erinnern der Grenzbach und alte Grenzschilder an den „Zaun“ quer durch den Ort. Die Berichte eines Mödlareuther Zeitzeugen über das Leben diesseits und jenseits der Mauer waren sehr unterhaltsam und informativ. Wir bekamen somit die ersten Eindrücke über den Alltag an der „Grenze“ und konnten uns mit der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit auseinandersetzen. Auch wurden uns die Strukturen und Mechanismen des SED-Regimes sehr gut dargestellt. Ein Ausflug nach Mödlareuth ist unbedingt empfehlenswert. Wo kann „Klein-Berlin“ so nah erlebt werden?
 
Gegen Spätnachmittag brachen wir dann Richtung Duderstadt auf, um dort das Grenzlandmuseum Eichsfeld zu besuchen. Hier am ehemaligen Grenzübergang sind nicht nur die aberwitzigen Kontrollen für die Besucher in den ehemaligen Gebäuden zu erkunden, sondern auch die Grenzsicherungszonen zu erwandern. Bei einem Studientag in der Begegnungsstätte erlebten wir ein abwechslungsreiches Programm. Bei einer Führung durch das Museum lernten wir die Geschichte dieser
Region kennen und erhielten einen Einblick in den DDR-Alltag. Danach machten wir einen Spaziergang entlang der ehemaligen Grenze und den Sperranlagen. Zum Gedenken an die Opfer, die in diesem Grenzabschnitt bei der Flucht ums Leben kamen, steckten wir Rosen in den aufgebrochenen Grenzzaun.
 
Später konnten wir dann mit dem Leiter der Bildungsstätte Ben Thustek zum Thema „Die innerdeutsche Grenze und der Schießbefehl“ angeregt diskutieren. Wir haben soviel Neues erfahren. Mit der Bürgermeisterin von Teistungen und Zeitzeugin Ursula Apel erfuhren wir zum Thema „Leben im Sperrgebiet“ sehr authentisch, was geschah. Für uns war es oftmals schwer nachzuvollziehen, wie man sich diesem System unterordnen konnte. Doch nach und nach wurde uns immer mehr bewusst, dass es für die Menschen auf der anderen Seite der Mauer keinen anderen Weg gab. Es war auch eine ganz neue Erfahrung, Zeitzeugenberichte aus dem Leben einer Person im Sperrgebiet zu hören. Niemand von uns wusste, dass die Bewohner es hautnah miterlebten, wenn wieder einmal die Sirenen einen gescheiterten Fluchtversuch ankündigten. So manchem Teilnehmer lief es bei diesen Berichten eiskalt über den Rücken hinunter. Mir wurde bewusst, was Freiheit und ein gemeinsames Deutschland heute bedeutet. Nachdem wir den Ort noch ein bisschen erkunden durften, fielen wir abends müde und um viele Erfahrungen reicher in unsere Betten.
 
Am nächsten Tag ging es dann weiter in die Hauptstadt. Auf der gut dreistündigen Busfahrt hatten wir die Möglichkeit, den Spielfilm „Das Leben der Anderen“ mit Ulrich Mühe zu sehen. Durch diesen Spielfilm wurde uns die „Arbeit der Stasi“ sehr gut vermittelt. Bespitzelung und Unterdrückung, aber auch menschliche Solidarität und schließlich auch Vergebung. In einem Jugendgästehaus im ruhigen Villenviertel  Berlin-Grunewald angekommen, ging es nach der Zimmerverteilung direkt zum „Checkpoint Charlie“ und dem „Potsdamer Platz“. Es war für uns schon sehr beeindruckend, diese geschichtsträchtigen Orte hautnah zu erleben. Nach einer kurzen Mittagspause begaben wir uns dann gemeinsam zur „Gedenkstätte Bernauer Straße“.
 
Durch zahlreiche Fluchtaktionen erlangte diese Straße eine traurige Berühmtheit. Im
Dokumentationszentrum konnten wir uns sehr intensiv mit der für uns doch nie so vermittelten Geschichte der geteilten Stadt Berlin beschäftigen. Es war bisher für uns unvorstellbar, dass die Mauer entlang einer Hauswand verlief und somit viele in den Westen sehen konnten, doch eigentlich im Osten lebten. Nach einiger Zeit wurden die Fenster zugemauert, so dass kein Sichtkontakt mehr mit dem  Klassenfeind möglich war. Unglaubliche Szenen hatten sich hier abgespielt.  Menschen die aus den oberen Stockwerken verzweifelt in den Westen springen wollten und Polizisten diese noch festhielten und schließlich doch los ließen. Der Untergrund hier in diesem Teil war wie ein Schweizer Käse mit Fluchttunneln untergraben. Ein beeindruckender Ort mit einem Stück Originalmauer und einer Kunstinstallation, der zum Nachdenken anregte.
 
Freitags ging es mit der S-Bahn zur „Normannenstraße“, dem ehemaligen Ministerium der Staatssicherheit, kurz: MFS. Heute ist es zu einer Forschungs- und Gedenkstätte geworden. Dort hatten wir wieder einmal die Möglichkeit, ein höchst interessantes Gespräch mit Uwe Hillmer zu führen, der uns die „Arbeit der Stasi“ näher brachte. Die Besichtigung der ehemaligen Arbeits- und Privaträume von Stasichef Erich Mielke war dann doch etwas beklemmend. Hier wurden wichtige
Entscheidungen zur Überwachung und Zermürbung der Bürger in der ehemaligen DDR getroffen.

Der Höhepunkt dieses Tages war für uns jedoch ein Gespräch mit Dr. Joachim Gauck in der Bundesgeschäftsstelle von „Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V.“. Herr Dr. Gauck arbeitete nach dem Mauerfall die Stasi-Akten auf und daher auch der spätere Name „Gauck-Behörde“ oder heute „Birthler-Bildungsstätte“. Fast zwei Stunden lang erzählte er uns von seinem Leben in der DDR als Junge und später als Jugendpfarrer, von den Jugendlichen und Erwachsenen, die sich nicht vom System manipulieren
ließen oder Handlungsspielräume im System schufen, von der bewegten Friedensbewegung und den gefährlichen Momenten der Wendezeit. Christoph  reflektierte: „Es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht, ob Joachim Gauck von Jugendlichen berichtet, die ihn bespitzelt haben oder ob man in der Schule fünf Seiten über das MfS durchliest.“ Alle waren sich einig: Das ist ein beeindruckender Mann. 
 
Ein anderes besonderes Ereignis stand für uns am Samstag auf dem Plan. Wir durften auf Einladung des Bundestagspräsidenten Dr. Norbert Lammert (CDU) im Paul-Löbe-Haus als Wahlbeobachter die Wahl des Bundespräsidenten verfolgen. Zum zweiten Mal kandidierte Gesine Schwan (SPD) gegen Horst Köhler (CDU). Zum ersten Mal war der Linke-Spitzenkandidat und ARD-Tatort-Kommissar Peter Sodann am Start. Auf großen Bildschirmen konnten wir den Ablauf dieser Wahl sehr gut verfolgen. Es war schon ein besonderes Gefühl, der Demokratie so nahe beizuwohnen. Als gegen 14.00 Uhr dann feststand, dass Horst Köhler in seinem Amt als Bundespräsident bestätigt worden war, sprachen wir noch einige prominente Politiker an und erhielten auch das eine oder andere Autogramm. Das anschließende Bürgerfest anlässlich des 60. Geburtstages des Grundgesetzes vor der einzigartigen Kulisse des Brandenburger Tors war für uns noch ein wunderschönes Abschiedsfest.
 
Dieses Exkursionsseminar ließ uns wirklich die Vergangenheit des geteilten  Deutschlands und auch den Umbruch in Richtung Zukunft hautnah erleben. Durch die verschiedenen Stationen bekamen wir einen sehr realen Einblick vom Leben in dem einst geteilten Deutschland. Für uns Jugendliche wurde durch diese Reise mancher Ort, den wir nur aus den Geschichtsbüchern kennen, plötzlich vorstellbar. Diese Exkursion führte uns zu vielen historischen Schauplätzen. Ebenso war der Gedankenaustausch mit den Jugendlichen aus Sachsen sehr interessant. Der Zeitpunkt dieser Begegnung mit den sächsischen Jugendlichen im historischen Gedenkjahr war ideal.
 
Ich glaube, dass durch solche Exkursionen das Zusammenwachsen von Ost und West auf jeden Fall beschleunigt werden kann. Christoph Wiest ergänzte am Schluss: „Zum Zusammenwachsen hat das Seminar ohne Zweifel beigetragen. Es konnten neue Kontakte geknüpft und Erfahrungen ausgetauscht werden. Ohne dieses Seminar hätte ich niemals gleichaltrige Jugendliche aus Sachsen kennen gelernt. Außerdem sind die DDR und die Wiedervereinigung immer noch brandaktuelle Themen, für die in der Schule viel zu wenig Zeit bleibt. Ich freue mich sehr, dass ich an diesem Seminar teilnehmen durfte und hoffe, dass es solche Möglichkeiten auch in Zukunft geben wird.“
 
Auszüge aus den Berichten von Veronika Konrad und Christoph Wiest zum Exkursionsseminar „Grenzenlos – Vergangenheit aufspüren und Zukunft gestalten“. An dem Seminar nahmen die Preisträger des 51. Schülerwettbewerbs des Landtags von Baden-Württemberg teil.

 
Foto: Monika Greiner, LpB Baden-Württemberg


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