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"Durchmogeln oder Aufstehen"

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Schekker

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Tom Sello, 52, war Bürgerrechtler in der DDR und hat sich vor allem für die Umwelt-Bibliothek in Berlin und deren Umweltblätter engagiert.
 
Schekker: Herr Sello, warum haben Sie sich damals entschieden, gegen das DDR-Regime anzukämpfen?
 
Tom Sello: Es war nicht schwer, schon als Jugendlicher mit den Vertretern der bestehenden Ordnung in Konflikt zu geraten. Unsere Lieblingsbands The Rolling Stones, Led Zeppelin oder Deep Purple konnten wir nur im Westradio aufnehmen. Westsender sollte man aber nicht hören und sehen, da es die Stimme des Klassenfeindes war. Letztendlich haben es doch fast alle getan.
Auch das Aussehen spielte eine wichtige Rolle: An der Schule waren lange Haare genauso verpönt wie ein Parka. Ich bin einmal nach Hause geschickt worden, nur weil ich eine West-Jeans anhatte.
 
Und das hat zu der Motivation geführt, für eine bessere Gesellschaft zu kämpfen?
 
Erst einmal fühlte ich mich eingeengt von all diesen Vorgaben und Regeln. Schlimm empfand ich die fortschreitende Militarisierung der Gesellschaft. Das ging schon mit Kriegsspielzeug im Kindergarten los über vormilitärische Ausbildung bis zum Militärdienst, der für mich unerträglich war. Ich konnte mich nicht daran vorbeimogeln, wollte aber fortan mit diesem Machtsystem nichts mehr zu tun haben.
 
 
Was haben Sie getan?
 
Ich verweigerte den Reservedienst in der Nationalen Volksarmee und durfte deshalb nicht studieren.
Als ich dann 1979 als Maurer nach Berlin kam, habe ich Leute kennen gelernt, die ihre kritische Meinung zum Regime und den Zuständen offen äußerten. Mit ihnen konnte ich mich identifizieren und so erhielt ich nach und nach Kontakt mit oppositionellen Gruppen.
 
Was wollten Sie erreichen?
 
Ich wollte eine demokratische DDR mit Meinungsfreiheit und Reisefreiheit. Bürger- und Menschenrechte sollten gewährt werden. Jeder sollte seine Geschicke selbst gestalten und verantworten können.
 
Für Ihre Ziele war es existentiell, dass möglichst viele Menschen von Ihren Ideen erfuhren. Wie haben Sie das trotz Pressezensur und Stasi geschafft?
 
Dazu bedurfte es vieler Mitstreiter. Das überzeugendste Konzept hatte für mich die Umwelt-Bibliothek Berlin, weshalb ich mich dort ab Ende 1987 kontinuierlich engagierte. Hier wurden verbotene Bücher und systemkritische Zeitschriften zum Lesen ausgelegt sowie Veranstaltungen und Ausstellungen mit Künstlern organisiert, die Berufsverbot hatten oder keine Auftrittsgenehmigung erhielten. Außerdem produzierten wir in regelmäßigen Abständen die Zeitschrift "Umweltblätter", später den "telegraph". Darin wurden Informationen verbreitet und gesellschaftliche Probleme diskutiert, die in den offiziellen DDR-Medien tabuisiert waren. Das Vervielfältigen war aufwändig. Für jede Heftseite wurde mit der Schreibmaschine eine Matrize beschrieben, von der dann eine kleine Zahl von Abzügen angefertigt werden konnte. So entstanden Auflagen von anfangs 150 und 1989 dann 2.000 Heften pro Ausgabe. Nicht nur aus Ost-Berlin, aus der ganzen DDR kamen Interessenten und haben sich die "Umweltblätter" abgeholt und weiter verteilt. Bekannt wurde die Umwelt-Bibliothek über die Landesgrenzen hinaus, weil sie im November 1987 in einer Nacht- und Nebelaktion von der Geheimpolizei überfallen wurde. Die Staatssicherheit beschlagnahmte Zeitschriften und Vervielfältigungsgeräte und nahm mehrere Oppositionelle fest.
 
Ihre Arbeit war mit Unannehmlichkeiten und Gefahren verbunden. Wie gingen die Menschen in Ihrem Umfeld, vor allem Ihre Familie damit um?
 
Meine damalige Frau hat mich unterstützt. Auch sie hat in der Umwelt-Bibliothek mitgearbeitet.
Schlecht war manche Situation für unsere Kinder: Am Vormittag des 7. Oktober 1989, des 40. Jahrestages der DDR, wollten wir mit unseren beiden Söhnen, zehn und sieben Jahre alt, einen Ausflug machen. Ich hatte beide an der Hand. Kaum waren wir aus der Haustür getreten, kamen zwei Autos angebraust aus denen Männer sprangen. Sie wollten mich vor meinen Kindern verhaften, weil ich am Staatsfeiertag eine schwarze Fahne aus dem Fenster gehängt hatte. Ich habe es nicht immer geschafft, diesen Stress von meinen Kindern fern zu halten.
 
Wie sah denn Ihr Alltag im Oktober 1989 aus?
 
Tagsüber habe ich gearbeitet. Dann bin ich nach Hause und als die Kinder im Bett waren, ging es wieder zur Umwelt-Bibliothek oder zur Mahnwache an der Gethsemanekirche. Entweder wurde an einer neuen Ausgabe des Informationsblattes "telegraph" geschrieben oder die fertigen Hefte sowie Flugblätter an der Kirche verteilt. Mit der Mahnwache wurde die Freilassung von inhaftierten Demonstranten gefordert. Schlaf bekam ich in diesen Nächten nicht mehr viel, manchmal keinen. Als ich dann morgens zur Arbeit kam und meine Kollegen meinen Zustand sahen, haben sie mich gelegentlich schlafen lassen und meine Arbeit ohne viel Worte mit erledigt.
 
Der Mauerfall markierte den emotionalen Höhepunkt der Friedlichen Revolution. Wie haben Sie dieses Ereignis erlebt?
 
Ich war mit drei Freunden im Keller der Umwelt-Bibliothek und habe an einer neuen Ausgabe des „telegraph“ geschrieben. Wir haben nebenher, erst ungläubig, später aufgeregt alles im Fernsehen verfolgt.
 
Sie sind nicht nach draußen gegangen, um mit den anderen zu feiern?
 
Nein, erst früh am nächsten Morgen bin ich mit meiner Familie nach West-Berlin gefahren. Unser nächster „telegraph“ musste vorher fertig sein. 
 
Wolfram "Tom" Sello wurde am 15. Oktober 1957 in Meißen geboren. Seit 1980 arbeitete er in verschiedenen oppositionellen Gruppen mit. 1990 gehörte er zu den Besetzern der ehemaligen STASI-Zentrale in Berlin. Seit 1990 half er beim Aufbau des Matthias-Domaschk-Archiv Berlin. Seit 1993 ist er Mitarbeiter der Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., die sich mit der Geschichte des Widerstandes in der DDR beschäftigt.
 
Autor: Jonas Großmann ist 18 Jahre und Schüler
 
Die Veröffentlichung erfolgte mit der freundlichen Genehmigung von Schekker – das Jugendmagazin! Der Originalbeitrag wurde veröffentlicht im Oktober 2009, Nr. 73, und auf Schekker.de.
 
Foto: doppelbelichtung (flickr)
 
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