Dossier: Kunst & Kultur in der DDR
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Rezension: Handschellen für Wörter (Berlin)
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Datum
12.11.1976
Kategorien
Kunst & Kultur
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Kampagne gegen Reiner Kunze in der DDR
Von Rolf Michaelis, DIE ZEIT, 12.11.1976, S. 33, Nr. 47
“Literatur ist für ein Volk eine Frage auf Leben und Tod. Die Literatur wird die ganze Wahrheit an den Tag bringen. Sie wird Ankläger, Zeuge und Richter sein in einem."
Es wird Zeit, an diese Sätze des ersten Kulturministers der DDR zu erinnern. Aus dem Ministerium, dem Johannes R. Becher, ein Dichter, einst vorstand, dröhnen jetzt Worte, die man seit den Tagen des Stalinismus auch in der DDR geächtet wähnte.
Der Dichter als "Staatsfeind"? So hat die Leiterin der Abteilung Kultur beim Zentralkomitee (ZK) der SED in einer Rede vor Kulturredakteuren Reiner Kunze genannt.
Im Künstlerhaus Bethanien in West−Berlin sollte Reiner Kunze am 5. November aus seinen Büchern lesen, von denen die meisten nur im westlichen Deutschland erschienen sind; aber die Regierung des Landes, das Kunze so besungen hat: „ausgesperrt aus Büchern/ausgesperrt aus Zeitungen/ausgesperrt aus Sälen/eingesperrt in dieses Land/das ich wieder und wieder wählen würde", verweigerte ihm auch diesmal die Ausreise.
Und da sollte man Herrn Honecker, den Oberwachtmeister dieses Aus- und Einsperr−Staates nicht an sein berühmtestes, bisher allein bemerkenswertes Wort auf der IV. Tagung des ZK im Dezember 1971 erinnern: „Wenn man von der festen Position des Sozialismus ausgeht, kann es meines Erachtens auf dem Gebiet von Kunst und Literatur keine Tabus geben"?
Einer der literarischen Aufpasser des SED− Chefs, der Leiter des Ost−Berliner „Kinderbuchverlages", hat auf Weisung von oben die Verkehrsregel für den Umgang mit Künstlern prompt vergessen: Obwohl vertragsgemäß fünfzehntausend Exemplare von Kunzes Kinderbuch „Der Löwe Leopold" (1970 im Fischer−Verlag erschienen, 1971 mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet) gedruckt sind, darf der Band in der DDR nicht ausgeliefert werden. Die Publikation des „verleumderischen Buches ,Die wunderbaren Jahre' in der Bundesrepublik und die Herausgabe eines Buches des gleichen Autors im Kinderbuchverlag schließen einander aus", mußte der Kinder-Funktionär seinem Vertragspartner mitteilen. Aber hatte nicht Kunzes Schriftsteller-Kollege Rolf Schneider bei seinem Besuch der Buchmesse der „Frankfurter Rundschau" beteuert, auch wenn er anderer Ansicht sei, halte er, und zwar „erschüttert", für „realistisch", was Kunze in seinem neuen Buch beschreibt?
Kunze sagt nur, was ein Berlinguer in Italien, ein Carrillo für die spanischen Kommunisten sogar in Ost−Berlin ungestraft aussprechen dürfen. Wo ist in der Kulturpolitik der DDR auch nur ein Funke jener Weisheit des Sozialisten Mao, der meinte, man solle sich „mit Verboten nicht übereilen" und ruhig „das Publikum urteilen lassen"?
„Sie fürchten sich quer" heißt es in einem Gedicht des tschechischen Dichters Jan Skácel, das Kunze übersetzt und in den Band „Die wunderbaren Jahre" aufgenommen hat. Sie fürchten sich quer, Honecker und seine vom Volk abgeschirmten Regenten einer Volksdemokratie. Deshalb muß der Erste Sekretär des Schriftstellerverbandes der DDR, Gerhard Henninger, von Ost−Berlin in die thüringische Provinz reisen, damit auf einer Mitgliederversammlung des Bezirksverbandes Erfurt-Gera in Weimar das in Greiz lebende Mitglied Kunze, das gewagt hat, vom „Terror im Geiste" zu schreiben, ausgeschlossen wird. Danach konnte, wie zu erwarten, das Präsidium des Verbandes den Dichter aus seinen Reihen stoßen (wegen „mehrfachen gröblichen Verstoßes gegen das Statut des Verbandes"). Damit ist Kunze vogelfrei. Ein sozialistischer „Verband" ist etwas anderes als ein westlicher Autorenbund: Vom Wohnrecht bis zum Urlaub, von der Papierzuteilung bis zur Druckgenehmigung ist ein sozialistischer Autor an seinen Verein gebunden.
„Meine Worte haben Handschellen", erkannte Kunze 1969 in dem Gedichtband „Sensible Wege". Jetzt sind die Mauerbauer und Schießbefehler dabei, Reiner Kunze auch einen Maulkorb zu verpassen.
Rolf Michaelis, DIE ZEIT, 12.11.1976 Nr. 47
Von Rolf Michaelis, DIE ZEIT, 12.11.1976, S. 33, Nr. 47
“Literatur ist für ein Volk eine Frage auf Leben und Tod. Die Literatur wird die ganze Wahrheit an den Tag bringen. Sie wird Ankläger, Zeuge und Richter sein in einem."
Es wird Zeit, an diese Sätze des ersten Kulturministers der DDR zu erinnern. Aus dem Ministerium, dem Johannes R. Becher, ein Dichter, einst vorstand, dröhnen jetzt Worte, die man seit den Tagen des Stalinismus auch in der DDR geächtet wähnte.
Der Dichter als "Staatsfeind"? So hat die Leiterin der Abteilung Kultur beim Zentralkomitee (ZK) der SED in einer Rede vor Kulturredakteuren Reiner Kunze genannt.
Im Künstlerhaus Bethanien in West−Berlin sollte Reiner Kunze am 5. November aus seinen Büchern lesen, von denen die meisten nur im westlichen Deutschland erschienen sind; aber die Regierung des Landes, das Kunze so besungen hat: „ausgesperrt aus Büchern/ausgesperrt aus Zeitungen/ausgesperrt aus Sälen/eingesperrt in dieses Land/das ich wieder und wieder wählen würde", verweigerte ihm auch diesmal die Ausreise.
Und da sollte man Herrn Honecker, den Oberwachtmeister dieses Aus- und Einsperr−Staates nicht an sein berühmtestes, bisher allein bemerkenswertes Wort auf der IV. Tagung des ZK im Dezember 1971 erinnern: „Wenn man von der festen Position des Sozialismus ausgeht, kann es meines Erachtens auf dem Gebiet von Kunst und Literatur keine Tabus geben"?
Einer der literarischen Aufpasser des SED− Chefs, der Leiter des Ost−Berliner „Kinderbuchverlages", hat auf Weisung von oben die Verkehrsregel für den Umgang mit Künstlern prompt vergessen: Obwohl vertragsgemäß fünfzehntausend Exemplare von Kunzes Kinderbuch „Der Löwe Leopold" (1970 im Fischer−Verlag erschienen, 1971 mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet) gedruckt sind, darf der Band in der DDR nicht ausgeliefert werden. Die Publikation des „verleumderischen Buches ,Die wunderbaren Jahre' in der Bundesrepublik und die Herausgabe eines Buches des gleichen Autors im Kinderbuchverlag schließen einander aus", mußte der Kinder-Funktionär seinem Vertragspartner mitteilen. Aber hatte nicht Kunzes Schriftsteller-Kollege Rolf Schneider bei seinem Besuch der Buchmesse der „Frankfurter Rundschau" beteuert, auch wenn er anderer Ansicht sei, halte er, und zwar „erschüttert", für „realistisch", was Kunze in seinem neuen Buch beschreibt?
Kunze sagt nur, was ein Berlinguer in Italien, ein Carrillo für die spanischen Kommunisten sogar in Ost−Berlin ungestraft aussprechen dürfen. Wo ist in der Kulturpolitik der DDR auch nur ein Funke jener Weisheit des Sozialisten Mao, der meinte, man solle sich „mit Verboten nicht übereilen" und ruhig „das Publikum urteilen lassen"?
„Sie fürchten sich quer" heißt es in einem Gedicht des tschechischen Dichters Jan Skácel, das Kunze übersetzt und in den Band „Die wunderbaren Jahre" aufgenommen hat. Sie fürchten sich quer, Honecker und seine vom Volk abgeschirmten Regenten einer Volksdemokratie. Deshalb muß der Erste Sekretär des Schriftstellerverbandes der DDR, Gerhard Henninger, von Ost−Berlin in die thüringische Provinz reisen, damit auf einer Mitgliederversammlung des Bezirksverbandes Erfurt-Gera in Weimar das in Greiz lebende Mitglied Kunze, das gewagt hat, vom „Terror im Geiste" zu schreiben, ausgeschlossen wird. Danach konnte, wie zu erwarten, das Präsidium des Verbandes den Dichter aus seinen Reihen stoßen (wegen „mehrfachen gröblichen Verstoßes gegen das Statut des Verbandes"). Damit ist Kunze vogelfrei. Ein sozialistischer „Verband" ist etwas anderes als ein westlicher Autorenbund: Vom Wohnrecht bis zum Urlaub, von der Papierzuteilung bis zur Druckgenehmigung ist ein sozialistischer Autor an seinen Verein gebunden.
„Meine Worte haben Handschellen", erkannte Kunze 1969 in dem Gedichtband „Sensible Wege". Jetzt sind die Mauerbauer und Schießbefehler dabei, Reiner Kunze auch einen Maulkorb zu verpassen.
Rolf Michaelis, DIE ZEIT, 12.11.1976 Nr. 47






