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Musik in der DDR (Berlin)

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18.06.1965

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Paragraphen und ein Erster Sekretär sorgen für Ordnung
von Fred K. Prieberg, DIE ZEIT, 18.06.1965, Nr. 25
 
Als Bundespräsident Lübke beim Essener Sängerbundesfest 1962 verkündete, die moderne Musik solle „mehr Anschluß an das Denken und Fühlen der Bevölkerung“ finden, und ein „neues vaterländisches Singen“ wünschte, wußte er, daß ihm keine organisatorischen Mittel zur Verfügung stünden, diese Forderungen zu verwirklichen; als Walter Ulbricht für das Zentralkomitee der SED in einer Grußadresse 1960 mit nur wenig anderen Worten das Nämliche erklärte, bestanden in der DDR längst die verwaltungstechnischen Voraussetzungen, solche Ästhetik im Musikleben des Landes obligat zu machen. Während die Bundesrepublik mannigfaltige, einander oft bitter befehdende Einflußgruppen beherbergt, die das Musikleben „machen“, nämlich vielseitig und antagonistisch, aber nicht eben statistisch glänzend, ist das Musikleben der DDR hierarchisch ausgerichtet und auf den Mittelpunkt Berlin bezogen. In Berlin laufen die Fäden der Musikverwaltung zusammen, denn der planwirtschaftliche Staat wertet Musik als eine öffentliche Angelegenheit, die gesellschaftliche Funktion hat und daher in das Ressort eines Fachministeriums fällt.
 
Anders als die entsprechenden Sachbearbeiter in den Kultusministerien der Bundesländer verwaltet aber der Leiter der Musikabteilung im Kulturministerium der DDR nicht nur die materielle, sondern auch die ideologische Basis der Musik (soweit sie formal Staatsbesitz ist). Darüber hinaus spricht er auch in Fragen der Musikästhetik und Musikplanung mit. Dr. Werner Rackwitz, der diese Funktion im Kulturministerium am Molkenmarkt ausfüllt, ist Fachmann, Musikwissenschaftler, eine sympathische Erscheinung und eigentlich nicht das, was man sich unter einem Beamten vorstellt. Im Gespräch erweist er sich als Marxist mit Esprit.
 
Seine erste Frage: „Was halten Sie von Eislers Deutscher Sinfonie?“ Dieses Opus aus den dreißiger Jahren, ein verwaschener Aufguß von Zwölftonformeln, kulissenhaft unter mäßige Texte von Brecht gelegt, die in einem sich proletarisch gebenden Alltagsjargon die Greuel des Nazi−Regimes schildern, ist derart datiert und blaß, daß das Ungeheuerliche weder Erschütterung noch Zerknirschung hervorruft; doch hat der Staat natürlich ein politisches Interesse, ein solches Werk zu propagieren.
 
Genau das erläuterte ich dem Musikabteilungsleiter und plädierte für eine Musik, die besser geeignet wäre, den Schock angesichts des Gräßlichen in tönende Symbole zu bringen, nämlich für eine stilistisch avancierte Musik, wie sie in Warschau und Prag und in Jugoslawien seit Jahren schon üblich ist. Ich nannte die Auschwitz− Kantate des jungen Slowaken Ilja Zeljenka, die 1964 uraufgeführt wurde. Dr. Rackwitz kannte sie nicht. Der Versuch zu demonstrieren, daß selbst eine kommunistische Botschaft sehr wohl in etwas moderner Musiksprache denkbar sei, brachte mich zu dem Lenin huldigenden „Pathetischen Oratorium“ des Moskauer Georgij Swiridow, das immerhin einen Leninpreis für 1960 erhielt. Dr. Rackwitz kannte es nicht. Daß Informationen aus den Volksdemokratien in Ostberlin knapper sein sollten als in der Bundesrepublik, ist fast nicht denkbar. Dennoch hatte ich den Eindruck, daß es den Musikbeamten wie auch den Komponisten, die ich sprach, an der elementaren Neugier auf stilistische Errungenschaften und aktuelle Werke fehlte, die sich längst nicht mehr als „westlicher Einfluß“ abtun lassen.
 
Immerhin scheint diese minder „glanzvolle Isolation“ als Ausgangspunkt der Musikpolitik eine erhebliche Einmütigkeit in ästhetischen Grundfragen zur Folge zu haben. Die musikalische Gesellschaft der DDR ist eine „geschlossene“ Gesellschaft. Längst sind die sozialistischen Nachbarländer aus dieser Situation herausgewachsen, die in den Jahren vor 1953 typisch für den ganzen Ostblock war. Es berührt einen sehr eigentümlich, aus Prag oder Warschau nach Ostberlin zugereiste Musikfachleute über die Provinzialität der DDR−Musik reden zu hören.
 
Außer den mit Musik befaßten Gremien und Persönlichkeiten, der SED, der FDJ und dem FDGB ist der „Verband Deutscher Komponisten und Musikwissenschaftler“ für das Musikschaffen zuständig; in ihm finden sich Komponisten, Musikologen und seit kurzem auch nachschaffende Künstler zusammen. Der VDK gilt als gesellschaftliche Organisation, und zwar auf „freiwilliger Basis“; das heißt, niemand ist gezwungen, ihm beizutreten. Doch bietet er eine solche Fülle von materiellen und immateriellen Verlockungen, daß ein Komponist, der sich durchsetzen will, nicht gut darauf verzichten kann.
 
Der VDK ging 1951 als Ständevertretung aus dem „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“ hervor; er gleicht in der organisatorischen Anlage dem Komponistenverband, der UdSSR und ist ganz an seinem Beispiel orientiert. Professor Natan Notowicz, ein Musikwissenschaftler, ist Erster Sekretär des VDK. Die Statuten folgen ebenfalls dem Moskauer Modell, sind allerdings sehr viel ausführlicher und detaillierter; die gegenwärtig gültige Fassung von 1963 füllt immerhin 31 Seiten eines kleinen Büchleins.
 
Diese Statuten verdienen eine nähere Betrachtung, denn an ihnen kann man ablesen, welche beherrschende Rolle der Verband im Musikschaffen spielt. Paragraph 2 Absatz 2 etwa bindet die Mitglieder an den „sozialistischen Realismus“: auch das entspricht dem Moskauer Modell, wenngleich es auf deutsch viel ausführlicher und mit großem Pathos vorgetragen wird:
 
„Die Mitglieder des Verbandes sehen den Weg zur vorwärtsweisenden Darstellung des Typischer, und Neuen unserer Zeit im sozialistischen Realismus. Gerade unsere Neue Musik soll starke Emotionen und Impulse vermitteln, die unerläßlich sind für ein kulturvolles Leben und die geistige Formung der Menschen, die den Sozialismus aufbauen. Diese Aufgabe erfordert, der Arbeit die Erkenntnisse des dialektischen und historischen Materialismus zugrunde zu legen.“
 
Jedes Mitglied verpflichtet sich auf diese ideologische Haltung, obwohl die Gebote des Statuts wahrhaftig nicht eindeutig formuliert sind. So besagt etwa der Absatz 3: ,,Die Musik hilft solche menschlichen Qualitäten auszuprägen, die für uns alle im Sozialismus notwendig sind. Deshalb wenden wir uns gegen alle bürgerlichen Verfallserscheinungen in der Musik, die dem humanistischen Anliegen unserer sozialistischen Kunst entgegenstehen.“ Der VDK ist also nicht nur eine Standes Vertretung; er hat nicht nur wirtschaftliche Aufgaben, „die hier übrigens längst nicht so deutlich niedergelegt sind wie beim Moskauer Vorbild“, sondern dient auch der ideologischen Belehrung der Komponisten und durch diese dann: des Publikums.
 
An diesem Punkt entsteht die Frage, ob der Verband ein Instrument nicht nur der Musikpolitik, sondern auch der „Kunstdiktatur“ sei, um so mehr, als die Formulierung von Paragraph 6 Absatz 2 solchen Verdacht nahelegt. Da heißt es: „Die Mitglieder und Kandidaten haben weiter das Recht und die Pflicht, das eigene Schaffen und die sonstige eigene berufliche und fachliche Tätigkeit im Verband zur Diskussion zu stellen und die Aussprache über das Schaffen und die Tätigkeit der anderen Mitglieder und Kandidaten anzuregen sowie daran aktiven Anteil zu nehmen.“
 
Die undialektische Identifikation von Können und Müssen läßt aufhorchen und ist unheimlich genug, da es hier um so etwas Grundsätzliches geht wie die „kollektive Kritik“. Der Komponist „kann und muß“ neue Partituren in der Mitgliederversammlung vorspielen und verteidigen, die höchstens einmal monatlich tagt. Wird ihm diktiert, was er zu schreiben hat? Wirkt diese kollektive Kritik wie ein Sieb? Eine einfache Rechnung: In keinem der sieben Bezirksverbände des VDK genügt eine Mitgliederversammlung im Monat, auch nur einen wesentlichen Teil der in diesem Monat entstandenen Werke zu behandeln, denn das Gremium hat noch andere Aufgaben. Es gelingt mit Mühe und Not, den Nachwuchs im Auge zu behalten.
 
Ich hatte Gelegenheit, an einer Mitgliederversammlung in Leipzig teilzunehmen. Zwanzig Minuten vor Beginn ließ sich der Vorstand des Bezirksverbandes Leipzig entschuldigen. Er hätte präsidieren sollen. Anwesend waren 22 Komponisten und Musikwissenschaftler und die beiden festangestellten Verbandssekretärinnen. Peter Dorn, Nachwuchskomponist, setzte sich an den Flügel und trug seine "Klaviermusik 1964" aus dem Manuskript vor. Er hatte offensichtlich Lampenfieber. Immerhin waren einige bedeutende Kollegen anwesend. Das Stück – polyphon gebaut, an Hindemith orientiert und sogar mit entsprechenden thematischen Reminiszenzen durchsetzt – provozierte sogleich die Frage, weshalb der Titel so nichtssagend sei; schließlich lehrt die marxistische Musikästhetik, daß Musik eine über- und außermusikalische, also ideologische „Bedeutung“ habe. Das leise Unbehagen einer großen Gruppe angesichts „abstrakter“ Musik spiegelt sich in dieser Frage. Andere konstatierten eine unwillkürliche Erinnerung an Mussorgskijs „Bilder einer Ausstellung“oder bemängelten die Dynamik als zu stark. Man diskutierte fragmentarisch. Am Ende schlug Carlernst Ortwein, der unter dem Pseudonym Conny Odd der erfolgreichste Komponist leichter Musik in der DDR ist, eine Empfehlung zur Drucklegung der „Klaviermusik 1964“ an die zuständige Fachkommission vor. Der Vorschlag ließ sich durchaus verantworten, denn Peter Dorn ist ein begabter Komponist; also stimmten die Kollegen zu.
 
Offensichtlich hatte die Anwesenheit eines Gastes aus der Bundesrepublik, den man in schöner Unbefangenheit sogar bat, sein Urteil doch beizusteuern, keinen Einfluß auf das Verfahren. Ich bekam einige Protokolle früherer Mitgliederversammlungen zu Gesicht; inzwischen verständigte man mich, daß sie nur „für den Dienstgebrauch“ bestimmt seien. Immerhin ist es interessant zu wissen, daß die „Werkdiskussionen“ sehr heftig und ohne übertriebene Rücksichtnahme geführt werden. Die letzte Entscheidung über die Drucklegung, Aufführung oder Förderung einer Partitur obliegt freilich weder der Mitgliederversammlung noch der zuständigen Fachkommission. Sie kommt vom Sekretariat, dessen Mitglieder vom Zentralvorstand gewählt oder berufen werden, und im Grunde vom Ersten Sekretär. Nichts geschieht gegen seinen Willen.
 
Der VDK finanziert sich aus Mitgliederbeiträgen, deren Höhe vom Einkommen abhängt; zum Beispiel zahlt der Leipziger Musikkritiker Werner Wolf fünf Mark, der namhafte Komponist Ottmar Gerster fünfzig Mark monatlich. Die Anstalt zur Wahrung der Aufführungsrechte auf musikalischem Gebiet (AWA) leistet einen bedeutenden Zuschuß. Der Gesamtetat des Komponistenverbandes liegt zwischen einer halben und einer Million im Jahr.
 
Im Gebäude des VDK in der Leipziger Straße unweit des "Checkpoint Charly" liegen nicht nur die Büros des Verbandes mit mindestens zwanzig ständigen Sekretärinnen, die Redaktionsräume der einzigen Musikzeitschrift „Musik und Gesellschaft“, die Büros des Musikrats der DDR, der im Gegensatz zum Musikrat der Bundesrepublik mit Informationsmaterial nicht geizt, sondern auch ein komplettes Tonstudio mit einem Bandarchiv, das ungefähr jedes neue, in der DDR je gespielte Musikwerk enthält; ferner der verbandseigene Musikverlag, die "Internationale Musikbibliothek" mit Noten, Partituren, Aufführungsmaterial und Musikbüchern aus der DDR und anderen Ostblockländern, ein Archiv, in dem westliche Musikpublikationen ausgewertet und Kritiken und Informationen über DDR−Werke gesammelt werden, ein nicht allgemein zugängliches Studienarchiv mit westlichen Partituren und Musikbüchern.
 
DIE ZEIT, 18.06.1965 Nr. 25
 

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