Deutsch-Deutsche Geschichte in Bildung und Schule
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Meckerossi, Besserwessi (Dresden)

Autor

SPIESSER

Datum

08.03.2007

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Familie, Jugend & Schule

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Quelle: www.spiesser.de
 
An alle Meckerossis, Besserwessis und die, die sich für vorurteilsfrei halten
 
"Vorurteile hat man nur, solange etwas unbekannt ist", sagt Ossi Florian, der gerade im Westen eine Ausbildung macht. Oftmals übernehmen wir Vorurteile einfach ungeprüft von anderen. Klar ist das unfair, aber es ist sicher bequem. Hier lassen wir Ostdeutsche erzählen, was sie mit Westdeutschen erleben, Experten kommentieren.
 
Manchmal beruhen Vorurteile nur auf Missverständnissen, manchmal transportieren sie aber auch ein Stück berechtigte Kritik. Meist siegt die eigene Meinung oder die von anderen, mit Objektivität haben Klischees selten etwas gemein.
 
Es gibt weder gute, noch schlechte Vorurteile. Eine falsche Zeitungsmeldung ist schließlich auch nicht gut, nur weil sie etwas Positives verkündet. Vorurteile entsprechen nie ganz der Wirklichkeit, weil die Wahrheit, die sie enthalten, immer ein Stück überdreht ist. Jeder hat Vorurteile, aber nicht jeder ist in der Lage, sie zu überprüfen und vielleicht davon Abstand zu nehmen. Dieses Heft will dabei helfen. Die andere Perspektive gibt es auf der anderen Seite des Hefts.
 
 
Verliebt in Bochum
 
Enrico (20) zog im Herbst zu seiner Freundin ins graue Bochum und findet: Wer hier keine Freunde findet, ist selbst schuld.
 
Die Leute machen sich nicht lustig über mich oder gucken mich schief an – sie staunen eher, wenn ich erzähle, dass ich aus Dresden komme. Dass meine Heimatstadt nicht nur architektonisch viel schöner ist als das graue Bochum, weiß man eben auch im Westen. Manche sind deswegen sogar neidisch. Eine Frau sagte kürzlich zu mir: "Wir bezahlen dafür, dass es im Osten schöner aussieht."
 
Das Vorurteil vom reichen Besserwessi hat sich für mich erledigt. Hier im Ruhrgebiet hat mir noch keiner Geld hinterhergeschmissen und Penner gibt es hier genauso wie in Dresden. Ich glaube, es gibt gar keine wirklichen Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen. Die sind nur konstruiert. Jeder Mensch ist anders – das kann man doch nicht einfach auf die Herkunft schieben.
 
Wer als Ossi hier im Westen keine Freunde findet, ist selbst schuld. Ich kann nicht hierher ziehen und gleichzeitig im Kopf eine Mauer hochziehen: „Die sind bestimmt arrogant und wollen sich nicht mit mir abgeben“.
Protokoll: Anne Hähnig
 
Expertenmeinung:
 
"Natürlich gab es Stadtmodernisierungen und Fördermittel für Ostdeutschland. Ja, Gelsenkirchen sieht nicht schön aus und Bautzen wurde herausgeputzt. Aber auch Rothenburg ob der Tauber ist schöner als Gelsenkirchen – diese Debatte sollte man nicht emotional aufladen. Es ist logisch, dass Ostdeutschland Geld aus dem Westen erhält, weil der Staat schon laut Grundgesetz für einheitliche Lebensbedingungen sorgen muss. Der Aufbau Ost ist gerechtfertigt."
 
Alexander Eickelpasch ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung
 
 
Für Mick Jagger in den Knast
 
Berlin, 7. Oktober 1969. Die DDR feiert ihren 20. Geburtstag. Viele Jugendliche feiern auch, weil sie glauben, die Rolling Stones treten auf dem Dach eines Westberliner Hochhauses auf. Dass es sich hierbei nur um einen Scherz eines Radiomoderatoren handelt, begreifen weder sie noch die Polizei. Diese will verhindern, dass die Rockfans die Jubiläumsfeier trüben. Am Ende werden rund 120 Jugendliche verhaftet.
 
 
Rote drüben
 
Ossis wohnen in der Platte und wählen PDS – solchen Vorurteilen begegnet Astrid (21) im Westen nur noch selten
 
"Das hört man ja gar nicht." So reagieren hier viele, wenn ich erzähle, dass ich aus Dresden komme. Die Leute in Mannheim interessieren sich generell eher für regionale Unterschiede wie Dialekt und Mentalität. Dieses steife Ost-West-Denken begegnet mir nur selten. Klar musste ich mir Ossiwitze anhören. Aber selten waren die so schlecht wie dieser. Ein Typ fragte mich tatsächlich mal, ob wir denn schon Bananen hätten. Ziemlich panne.
 
Die meisten Kommilitonen haben sich ernsthaft für den Osten interessiert. Sie haben aber kaum konkrete Fragen gestellt, sondern einfach gesagt: "Erzähl mal wie es denn so war", was natürlich schwierig ist, weil ich die DDR ja nur als kleines Kind miterlebt habe. Vieles kenne ich nur durch Erzählungen meiner Eltern. Das Leben mit und in der DDR hat man hier im Geschichtsunterricht scheinbar ausgespart, zumindest wissen die jungen Leute nicht viel darüber. Eine Freundin war total überrascht, als ich ihr sagte, dass ich nur als kleines Kind mal in einem Plattenbau gelebt habe. Das sind so die gängigsten Klischees: Ossis wohnen in der Platte und wählen PDS.
 
Mir ist aufgefallen, dass die Kirche hier eine viel größere Rolle spielt als bei uns. Außerdem leert sich das Portemonnaie schneller, dafür gibt es aber auch viel mehr Jobangebote. Wenn man durch die Stadt läuft, hängt fast in jedem Laden ein Schild "Aushilfe gesucht".
 
Ich fühle mich wohl hier – weder komme ich mir wie eine Aussätzige vor, noch fühle ich mich besonders beobachtet. "Ost" und "West" unterscheiden sich nach 17 Jahren Wiedervereinigung kaum noch und auch in den Köpfen bröckelt die Mauer immer mehr.
 
Protokoll: Björn Urbansky
 
Expertenmeinung:
 
Die DDR war im westdeutschen Schulunterricht vor 1989 immer ein Thema. Doch für die meisten Schüler war der Mauerstaat ein ferneres Land als Italien oder Frankreich. Seit dem Mauerfall wird die DDR-Geschichte in ganz Deutschland im Geschichtsunterricht behandelt. Allerdings bleibt oft zu wenig Zeit dafür, weil der Unterricht zur NS-Geschichte mehr Zeit als geplant in Beschlag nimmt. Was erfreulich ist: Eine Umfrage hat gezeigt, dass die meisten Schüler in Ost und West mehr über die DDR erfahren wollen. Und zwar objektiv – anders als früher in der DDR. Da hat man Schallplatten mit O-Tönen zum Mauerbau vorgelegt, die hörten sich an, als stünde der Dritte Weltkrieg direkt bevor.
 
Ulrich Mählert von der Stiftung Aufarbeitung ist Herausgeber eines Buches zum Thema "DDR-Geschichte im Unterricht"
 
 
In die Rolle fallen
 
Sarah (18) ist enttäuscht. Ihre Mutter tauschte Büro gegen Küche, Karriere gegen Haushalt. Und das alles nur wegen Wessi Matthias.
 
Vor zehn Jahren kam meine Mutter mit Matthias zusammen. Damals wusste ich noch nicht, dass er aus dem Westen kommt, es hätte mich auch nicht besonders interessiert. Ich konnte ihn einfach nicht leiden und war eifersüchtig. Irgendwann wurde meine Mutter schwanger und wir zogen von Dresden nach Görlitz, weil Matthias dort arbeitet. Ich wollte nicht von meinen Freunden und meiner neuen Schule weg, aber ich musste. Da bemerkte ich den großen Einfluss, den Matthias auf meine Mutter hat. Sie war auf einmal nicht mehr die ehrgeizige und selbstständige Frau, die sie früher mal war. Nachdem sie aufgehört hatte zu arbeiten, stand sie den ganzen Tag nur noch in der Küche und räumte ihrem Freund alles hinterher. Laut Klischee läuft das im Westen eben so: Die Frau kümmert sich ums Haus, der Mann schafft das Geld ran. Ich fand das ziemlich doof und war sehr enttäuscht. Meine Mutti bekam das, glaube ich, gar nicht so recht mit. Ich bin dann nach Dresden zu meinem Papa gezogen, seitdem verstehe ich mich wieder besser mit meiner Mutter und Matthias.
 
Protokoll: Resi Schneider
 
 
Expertenmeinung:
Junge Frauen in den alten Ländern wollen genauso einen Beruf erlernen und arbeiten gehen. Mit dem ersten Kind unterscheiden sich aber plötzlich die Ansichten in Ost und West: Ost-Frauen wollen möglichst schnell wieder arbeiten, Frauen aus den alten Ländern bleiben wie selbstverständlich länger zu Hause. Die Unterschiede sind historisch bedingt. In der DDR wurde das Bild "Emanzipation durch Arbeit" propagiert, in der Bundesrepublik dominierte dagegen das Leitbild vom männlichen Ernährer aus Zeiten der Industrialisierung.
 
Hildegard-Maria Nickel ist Professorin für Gender Studies (Geschlechterforschung) an der Humboldt-Universität Berlin
 
 
Berliner Verhältnisse
 
"Ossis sind politischer und tiefgründiger als Wessis", sagt Jacob (21). Er besuchte Gymnasien im Westen und im Osten der einst geteilten Stadt Berlin
 
Ich wollte wissen, wie ich mich im Westen zurechtfinde. Deshalb bin ich in der zehnten Klasse von einem Ostberliner Gymnasium auf ein anderes in den Westen der Stadt gewechselt. Die Leute dort denken anders und sie verhalten sich anders. Ossis sind politischer, sie beschäftigen sich mehr mit ernsten und tiefgründigen Dingen des Lebens. Westberliner hinterfragen da nicht so viel. Ein Beispiel: Nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 haben die Schüler in Ost- und West-Berlin ganz unterschiedlich reagiert. Die Ossis sprachen auf dem Pausenhof über ihre Befürchtungen, es könne ein Krieg folgen. Die Wessis hingegen hissten erst einmal die amerikanische Flagge im Foyer der Schule, um ihre Loyalität zu den USA zu demonstrieren. Aber das ist sicher auch historisch bedingt.
 
Irgendwann fing ich selbst an, träge zu werden und gleichgültig gegenüber der Politik – nach anderthalb Jahren wechselte ich dann zurück auf ein Gymnasium im Osten der Stadt.
 
Das alles klingt sicher vorwurfsvoll, aber so habe ich die Unterschiede eben erlebt. Und auf beruflicher Ebene etwa komme ich mit Wessis besser klar: sie sind einfach professioneller und achten mehr auf ihr Image – das gefällt mir. Im Osten kann einem das negativ ausgelegt werden: manche hier übersetzen professionell mit karrieregeil.
 
Protokoll: Anne Hähnig
 
Expertenmeinung:
 
Wir haben mal einen Eignungstest gemacht, bei dem Westdeutsche und Ostdeutsche angetreten sind. Die Wessis haben gewonnen, denn sie haben im Team gearbeitet: Sie haben zusammen gesessen, gemeinsam die Probleme analysiert und anschließend Aufgaben delegiert. Bei den Ostdeutschen hat jeder für sich gearbeitet. In modernen Betrieben braucht man aber Leute, die im Team arbeiten können, das ist professionell.
 
Uwe Hillmer, Forschungsgruppe SED-Staat an der Freien Universität Berlin
 
 
Fidel’ Gastro
 
"Vorurteile hat nur, wer den anderen Teil Deutschlands nicht kennt", sagt Ossi Florian (20), der in NRW eine Ausbildung macht.
 
Meine Familie lebt über ganz Deutschland verstreut. Keiner von ihnen hat mich gewarnt, in den Westen zu gehen, keiner von ihnen glaubt an Klischees. Vorurteile hat man nur, solange etwas unbekannt ist. Ich habe keine Schwierigkeiten, hier in Bergisch-Gladbach Freunde zu finden. Für uns Jugendliche spielt das Ost-West-Verhältnis zum Glück eh keine große Rolle mehr. Wir haben die Wende ja nicht bewusst miterlebt. Im Vergleich denken Ossis sicher häufiger über Klischees nach, weil sie sich seit der Wende viel mehr umstellen und sich dem Westen anpassen mussten. Vielleicht geht es ihnen auch ein bisschen schlechter. Meinem Bauchgefühl nach haben die Wessis schon mehr Geld in der Tasche. In dem Hotel, in dem ich meine Ausbildung mache, gibt es eine Drei-Sterne-Gastronomie mit saftigen Preisen. Die ist sehr gut besucht und es macht wahnsinnig viel Spaß hier zu arbeiten. Ich bezweifle, dass so ein Restaurant im Osten auch so gut laufen würde.
 
Protokoll: Anne Hähnig
 
Expertenmeinung:
Ein Westdeutscher verdient im Durchschnitt 10 bis 15 Prozent mehr als ein Ossi. Zwar ist das Preisniveau im Osten geringer, dennoch haben Wessis mehr Geld in der Tasche. In den alten Bundesländern gibt es einfach produktivere Unternehmen. Das wiederum hat nichts mit dem Fleiß der Arbeiter zu tun, sondern mit den besseren Technologien.
 
Professor Dr. Udo Ludwig ist Konjunkturforscher am Institut für Wirtschaftsforschung in Halle.
 
 
Wir müssen mal reden
 
Matthias (22) ging vom erzgebirgischen Thum nach Köln. Seit drei Jahren findet er in Westdeutschland keine echten Freunde. Der Grund: Alle wollen immer nur Party machen.
 
Wer nicht so gern feiert, hat es schwer, im Westen überhaupt Freunde zu finden. Ich mache gerade eine Lehre zur Fachkraft für Veranstaltungstechnik und bin deshalb viel unterwegs. Da habe ich keine Lust, nach Feierabend dann noch in Kneipen oder Diskos rumzuhängen. Wenn ich Bekannte frage, ob wir etwas zusammen unternehmen, wollen die immer nur feiern und möglichst noch viele andere Kumpels mitbringen. Da bleibt kein Platz für ein ruhiges, persönliches Gespräch. Ich habe hier bisher keinen einzigen guten Freund gefunden. Die Westdeutschen sind mir einfach zu oberflächlich.
 
Protokoll: Anne Hähnig
 
 
Schneeballsystem
 
Als Markus (19) nach Dresden zog, wurde er gemobbt, beworfen und als übler Wessi beschimpft – dabei ist er gar keiner.
 
Arschlöcher leben gerecht verteilt in Ost und West. Als ich zwei Jahre alt war, fiel die Mauer. Da sind wir aus Görlitz nach Kiel gezogen. Sieben Jahre Norddeutschland. In Kiel hatte ich nie Probleme mit Vorurteilen. Dafür aber hier in Dresden nach unserer Rückkehr: Weil ich plötzlich der üble Wessi war, musste ich mir derbe Sprüche anhören. In der fünften Klasse wurde ich wegen meines norddeutschen Dialekts ausgegrenzt. Die haben mich systematisch gemobbt und mir auf dem Schulhof geeiste Schneebälle hinterhergeworfen. Gelegt hat sich all das erst, nachdem meine Mutter den Vater eines Mitschülers zu Hause besucht hatte. Dabei klärte sie auf, dass ich in Görlitz und nicht in Kiel geboren bin. Das löste schlagartig alle Probleme. Heute treffe ich vor allem Leute, denen egal ist, woher ich komme. Die Vorurteile lösen sich auf, Jugendliche pflegen immer weniger davon, je weiter sich ihre Geburtsdaten von der DDR entfernen. Und die Ewiggestrigen, die gibt es eben in West und Ost.
 
Protokoll: Martin Machowecz
 
Expertenmeinung:
 
Die Skepsis der Ostdeutschen gegenüber Westdeutschen war gleich nach der Wiedervereinigung noch gar nicht vorhanden. Die Bürger waren erst einmal froh, wieder in den Westen fahren zu können. Allerdings ist die Stimmung sehr schnell umgeschlagen. Ungefähr eine Million Menschen haben im Osten ihre ursprüngliche berufliche Position verloren. Das führte dann zu einem Misstrauen gegenüber Wessis, das auch an die Kinder weiter gegeben wurde. Es gibt immer noch Unterschiede in den Gehältern. Diese Gesamtunzufriedenheit der Ostdeutschen befindet sich gerade sogar auf dem Höhepunkt.
 
Prof. Dr. Rainer Eckert ist Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums in Leipzig
 
 
Spaßkanonen
 
Kameraden beim Bund sind nicht gleich verbündete Kameraden. Das stellte Ron (21) in Niedersachsen fest
 
"Ach, die Ossis schon wieder", sagte ein Unteroffizier oft zu uns ostdeutschen Kameraden. Er bemühte sich sehr, dabei scherzhaft zu klingen.
 
Während meiner Zeit bei der Bundeswehr in Wesendorf hatte ich fast ausschließlich mit den ostdeutschen Jungs zu tun. Die Wessis waren mir zu reserviert und verklemmt. Ich selbst habe dann auch gar nicht erst Interesse gezeigt, mit denen in Kontakt zu treten. Ich trenne irgendwie automatisch im Kopf zwischen West- und Ostdeutschen. Da habe ich mich vielleicht zu sehr von meinen Eltern beeinflussen lassen. Die schimpfen oft über Wessis, weil diese alles, was in der DDR war, als schlecht abtun würden. Eigentlich sollte ich darüber stehen und offener sein gegenüber Wessis. Aber das kostet viel Überwindung
 
Protokoll: Anne Hähnig
 
 
Pro Test
 
Vor dem Umzug nach Nordrhein-Westfalen hatte Patricia (16) keine Vorurteile. Mittlerweile hält sie die Westdeutschen für faul – und will dennoch nicht zurück
 
Von wegen Westdeutschland: In Calw wohnen so viele Ossis, dass wir die Stadt scherzhaft auch zu Sachsen zählen. Da komme ich eigentlich her. Meine Mutter wollte länger schon eine eigene Physiotherapie-Praxis auf machen, vor einem Jahr sind wir schließlich in den Westen gezogen. Angekommen bin ich ohne Vorurteile, mittlerweile habe ich welche. Die Westdeutschen sind faul. Mir fehlt einfach die Einsatzbereitschaft, die ich aus Ostdeutschland kenne. Schulausflüge organisieren hier fast nur Lehrer, die Jugendlichen haben darauf keine Lust. Auch der Unterricht ist längst nicht so gut wie in Ostdeutschland. In Baden-Württemberg haben es die Schüler viel zu leicht: In machen Fächern schreiben wir keine oder viel zu wenige Tests. Ein bisschen Mitarbeit, ein bisschen zuhören – schon bekommt man gute Noten. Zurückkehren möchte trotzdem ich nicht. Ich habe hier einfach die besseren Zukunftschancen.
 
Protokoll: Nora Jakob
 
Expertenmeinung:
Wir haben in den PISA-Tests nie Ost-West-Unterschiede in Bildungsfragen feststellen können. Sachsen, Bayern und Baden-Württemberg hatten zum Beispiel ähnlich gute Ergebnisse. Unterschiedlich ist aber die Arbeitseinstellung in Ost und West. Schon in der DDR wurde gesellschaftliches Engagement gefördert und gestärkt, deshalb sind ostdeutsche Jugendliche meist auch heute noch engagierter und verantwortungsbewusster.
 
Peter Lautzas vom Verband der Geschichtslehrer in Deutschland weiß um die Bildungsunterschiede zwischen den Bundesländern.
 
 Foto © spiesser
 

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