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Kleine Geschichte: Scheinstabilität

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Auf der Internetplattform Zeitzeugenportal 89/90 schildern Zeitzeugen in der Rubrik kleine Geschichten, wie sie die Friedliche Revolution und Deutsche Einheit miterlebt haben.
 

Scheinstabilität

Die DDR am Vorabend der Revolution

Bonn, 7. September 1987. Erich Honecker wird mit fast allen protokollarischen Ehren von Bundeskanzler Helmut Kohl empfangen. Einen Moment wirkt das SED-Regime gefestigter denn je. Doch während Ost-Berlin demonstrativ auf Abgrenzung setzt und mit neuer Vehemenz die staatliche Anerkennung durch die Bundesrepublik fordert, weht von Moskau ein anderer Wind. Perestroika (Umgestaltung) und Glasnost (Transparenz) lauten die Schlagworte, die den Versuch Michail Gorbatschows begleiten, das marode Riesenreich zu reformieren und an den Westen anzunähern. Zugleich räumt Moskau seinen Verbündeten Schritt für Schritt mehr Selbständigkeit ein. Polen und Ungarn werden zu Vorreitern des Reformprozesses. Die SED-Führung verweigert sich dem neuen Kurs. Früher wollte man in Ost-Berlin von der Sowjetunion „siegen lernen“. Jetzt werden plötzlich sowjetische Filme und die sowjetische Zeitschrift „Sputnik“ in der DDR verboten, weil sie sich kritisch mit dem Stalinismus auseinandersetzen. Die DDR gerät im eigenen Lager zunehmend in die Isolation. Selbst SED-Mitglieder beginnen immer mehr an ihrer Führung zu zweifeln. Die zeigt sich starrsinnig: Die Mauer werde noch 50 oder 100 Jahre stehen, erklärt Honecker Anfang 1989.
   
Das ganze Land ist im Umbruch, nur bei der NVA scheint alles beim Alten zu bleiben. Neue Rekruten werden planmäßig eingezogen, so auch Philipp Gabriel und Robert Hirsch: „In den Wäldern trainiert die Nationale Volksarmee. Die Soldaten üben für den Ernstfall, den Feindesangriff mit Chemiewaffen. Was zur selben Zeit in den Städten und Dörfern der DDR passiert, ist hier kein Thema. …“ [weiter lesen ►]


Unzufriedenheit

Wirtschaft und Gesellschaft in der Krise

In den 1980er Jahren wird die ökonomische Misere der DDR unübersehbar. Die Industrie läuft auf Verschleiß. Die Umwelt ist verschmutzt. Gelbe Luft gehört vielerorts genauso zum Alltag wie graue Wäsche auf der Leine. Grau sind auch die verfallenden Altstädte. An den Stadträndern wachsen derweil eilig errichtete Plattenbausiedlungen.
In ihrem Bericht schildert Gisela Seidel die Situation in dem kleinen Dorf Mölbis im Osten von Espenhain (bei Leipzig), das in der Hauptwindrichtung des Braunkohlekraftwerk Espenhain liegt: „Wer zu DDR-Zeiten durch Espenhain bei Leipzig fährt, schließt rechtzeitig die Fenster. Denn dort stinkt's gewaltig. Grund dafür ist das Braunkohlekraftwerk Espenhain. …“ [weiter lesen ►]

Karl-Heinz Dallmann, seit 1986 Pfarrer in Espenhain und Mölbis, wohnt in unmittelbarer Nähe des Industriekomplexes Espenhain. Dort kämpft er für bessere Lebensbedingungen: „Ende der 1980er-Jahre übernimmt Karl-Heinz Dallmann die örtliche Pfarrstelle in Espenhain. Doch die Sache hat einen Haken: Die Pfarrstelle Espenhain wurde mit Mölbis zusammengelegt. …“ [weiter lesen ►]

Die ineffiziente Planwirtschaft ist gleichermaßen von billigem sowjetischem Erdöl wie zunehmend von westlichen Krediten abhängig. Die seit 1961 eingemauerte DDR-Gesellschaft spaltet die Menschen in jene, die über Privilegien oder Westgeld verfügen und jene, die sich in immer längere Schlangen vor immer leereren Geschäften einreihen müssen. Das Leben in der DDR ist überwacht, reglementiert und weithin vom Parteistaat vorbestimmt. Die Unzufriedenheit wächst. Jeden Abend reisen die DDR-Bürger mit ARD und ZDF für einige Stunden in den Westen aus. Im Alltag wird Loyalität inszeniert, werden Häuser beflaggt, Kundgebungen besucht und Mitgliedsbeiträge für Massenorganisationen und Parteien entrichtet. „Ihr tut so, als ob Ihr uns folgt, und wir tun so, als ob wir Euch glauben“, scheint die Devise der Obrigkeit zu lauten.

Betrug

Die Opposition dokumentiert die Fälschung der Kommunalwahlen

Thomas Gerlach schreibt in seinem Beitrag über die Ereignisse, die sich im Zusammenhang mit den Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 ereignen: „Der 7. Mai 1989 war ein sonniger Frühlingstag. Leipzig war mit Fahnen zugehängt, überall forderten Plakate: "Unsere Stimme den Kandidaten der Nationalen Front!" Wahltag in der DDR. …“ [weiter lesen ►]

Peter Matheis, Pfarrer in Erfurt, berichtet über die Aufdeckung des Wahlbetrugs: „Wir – eine lose Gruppe von Leuten aus Erfurt, die auf Veränderungen hoffen – kommen auf die Idee, die Wahllokale in Erfurt zur Auszählung der Stimmen bei der Kommunalwahl zu besuchen. …“ [weiter lesen ►]

Bei den Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 ist Kerstin Pawelke Wahlhelferin. Als sie mitbekommt, dass die Zahlen manipuliert werden, protestiert sie: „Im Frühjahr 1989 arbeitet Kerstin Pawelke, die damals noch Hartmann hieß, als Ökonomin in der Bank für Landwirtschaft und Nahrungsgüterwirtschaft in der Bezirksdirektion Halle. Sie ist zufrieden mit ihrer Situation. …“ [weiter lesen ►]

Im Mai 1989 organisiert die Berliner Opposition die Auszählung der Wahlergebnisse der Kommunalwahl. Im Interview mit FriedlicheRevolution.de berichtet Mario Schatta, über Maßnahmen der Oppositionellen, um Unterwanderungen der Stasi zu verhindern. [Video starten ►]

Sonntag, 7. Mai 1989. Kommunalwahlen in der DDR. Der Urnengang soll die Zustimmung der Bevölkerung zur SED-Politik vorspiegeln. Doch die Inszenierung wird zum Wahlkrimi, der nur im Westfernsehen zu sehen ist: Vor laufender Kamera weisen junge Frauen und Männer dem SED-Staat Wahlfälschung nach und berichten, dass Bürgerrechtler DDR-weit in vielen hundert Wahllokalen die Auszählung überwacht haben. Viele Ostdeutsche erfahren erst jetzt von dem zunehmend dichteren Netz von Friedens-, Menschenrechts-, Umwelt- und Dritte-Welt-Gruppen, das häufig unter dem schützenden Dach der Kirche seit den 1980er Jahren den politischen Vormachtsanspruch der SED in Frage stellt. Einige ihrer Aktionen hatten bereits in der Vergangenheit Aufmerksamkeit erregt. Doch jetzt demonstriert die DDR-Opposition nicht nur die Fähigkeit zum gemeinsamen Vorgehen, sondern beweist zudem die Verlogenheit der Partei- und Staatsführung.
Die weist alle Vorwürfe zurück und muss zunehmend hilfloser erleben, wie Bürgerrechtler nicht nur mit einer Flut von Eingaben und Strafanzeigen, sondern mit öffentlichen Protesten auf die Wahlfälschung reagieren. Am 4. Juni 1989 empört das Massaker auf dem „Platz des Himmlischen Friedens“ in Peking viele DDR-Bürger. Zahlreiche Menschen schließen sich den Protesten an. In Ost-Berlin wird ab Juni an jedem 7. eines Monats demonstriert.

Dr. Bernd Wulffen, Mitarbeiter der Deutschen Botschaft in Peking, berichtet darüber wie er die Ereignisse im Herbst 1989 in China erlebt: „Einer der merkwürdigsten Tage in meinem diplomatischen Leben war der 23. Mai 1989. Wir begingen damals den 40. Jahrestag der Gründung der Bundesrepublik Deutschland mit einem Empfang im Hotel “Regency” in Kuwait. …“ [weiter lesen ►]

Andreas Lorenz, SPIEGEL-Korrespondent in China, erinnert sich an den blutigsten Tag seiner Laufbahn, den 4. Juni 1989, als auf dem „Platz des himmlischen Friedens“ Studentenproteste niedergeschlagen werden: „Als Han Dongfang die Kugeln über seinen Kopf pfeifen hört, ist er davon überzeugt, dass es keine scharfen Geschosse sind. …“ [weiter lesen ►]

 
Foto: VivaoPictures / Raphaël Thiémard
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